25.

Apr

Frühjahrsputz im „Römerbad“

Christoph Thoma

Registrierter

experten-autor

Geschichte erleben. Landschaft erwandern. Schatzsucher spielen.

Den Auerberg bekränzen, Perlen einer Kette ähnlich, gleich sieben Römerstätten: die historische Via Claudia Augusta vernetzt und verbindet Peiting, Bernbeuren, Epfach, Schwangau, Altenstadt, Schongau und Marktoberdorf. Marktoberdorf ist mit dem kleinen aber feinen Römerbad-Museum von Kohlhunden dabei. Jetzt beginnt dort wieder die Saison. Vor ein paar Tagen erst war „Frühjahrsputz“. 

Die Original-Mauern der Therme

Ländliche Wellness auf Lateinisch? Von wegen „Errare humanum est!“ Erstens ist das „Römerbad“ ein Museum und keine moderne Großsauna. Die Badetasche kann man also getrost zuhause lassen. Und zweitens ist heute Schuften angesagt, Frühjahrsputz. Dutzende von vorgezogenen Blumen pflanzen, Unkraut jäten, Kies harken, die Fenster putzen, Vitrinen abstauben und den Backofen auf Vordermann bringen. Ausgerechnet ich, mit meinen zwei linken Händen!?

Pflanzaktion - damit alles blüht

Die sechzig Mitglieder des „Fördervereins Römerbad“ sind stolz darauf, die zweitausend Jahre alten, gemauerten Kanäle der Badeanlage längst durch einen verglasten Schutzbau dauerhaft gesichert zu haben. Seit 2015 gibt es eine moderne WC-Anlage auf dem Gelände. Gitterroste überspannen die Fundstellen. Für Stöckelschuhe sind sie ungeeignet. Heute sind aber ohnedies eher Gummistiefel und Parka gefragt: Hausfrauen und Lehrer, Stadträte und Beamte, Handwerker und Studenten – alle packen mit an.

                                                                                                                                                                                                          Geoffrey Cheeseman: „Salve Imperator!“

Ich habe ja viele Jahre als Journalist in Niederbayern gearbeitet, und da ist mir natürlich Bad Gögging im Landkreis Kelheim wohl bekannt, gleich hinterm Limes, die römische Therme dort mit den kostbaren Mosaiken. Und so kann ich das kleine Badehaus am Kuhstallweiher von Marktoberdorf-Kohlhunden gut einschätzen: als ein Kleinod, das der Kulturstadt Marktoberdorf gut zu Gesicht steht.

Wie ein römischer Feldherr beherrscht der gebürtige Engländer Geoffrey Cheeseman das kreative Gewusel auf der weitläufigen Anlage. Also – um mit Asterix zu sprechen – er ist „der Brite bei den Römern“, der bei Festivitäten schon einmal wie ein Tribun oder Senator in der kleidsamen Toga auftritt. Die Figur dazu hat er. „Salve, Imperator!“

"Römer" im ehrenamtlichen Einsatz

Als Vereinsvorsitzender teilt Geoffrey Cheeseman auch heute die Arbeiten ein, hat den Blick für das Große, Ganze. Neue Schilder gibt es heuer. Es soll ja alles immer noch schöner, informativer und interessanter werden. Ich bin mit meinem „grünen Daumen“ zum Bodendecker einpflanzen unterwegs. Und dabei hab‘ ich’s noch gut erwischt. Die schlanke Ina schickt er gnadenlos in die enge Kluft zwischen Laufsteg und Thermenmauer, um angeflogenen Löwenzahn zu entfernen.

Die Fundstelle liegt auf der Anhöhe westlich des Kuhstallweihers, einer der beliebten Seen vor den Toren der Stadt. Gleich daneben standen einst sieben römische Gebäude. Der Gutshof – die „Villa Rustica“ – erstreckte sich über gut 2000 Quadratmeter. Komplett ausgegraben wurde bisher nur die Therme.

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                                                                                                                                                                                                          Antike römische Kuhglocken

Schon der Blick durch die Fenster des „Römerbads“ lohnt sich für die Spaziergänger. Beim Frühjahrsputz gehört das Fensterputzen deshalb zwingend mit dazu. Und das Abstauben der Vitrinen, die randvoll mit faszinierenden Exponaten aus dem Alltagsleben der Römer sind: Öllämpchen, Keramiken, Kuhglocken. Kuhglocken? Die zeigen, dass es schon zu römischer Zeit im Ostallgäu Weidevieh gab, eine frühe Form der Alm- oder Weidewirtschaft. Wer hat’s erfunden?

Römische Kuhglocken verweisen auf frühe Weidewirtschaft im Allgäu

Nicht nur deshalb: Schwerpunkt der Darstellung im Römer-Museum Marktoberdorf ist die Landwirtschaft. Es grasen Schafe am Hang, es gibt Bienenvölker. Einen richtigen Weinberg. Und es werden alte Kernobstbäume gepflegt. Eine Streuobstwiese wurde angelegt.

Viele Originalexponate aus Kohlhunden schlummern (noch?) in den Depots des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. Z. B. seltene Gefäße aus Terra Sigilata, mit Weiheinschriften. Aber es gibt auch Originale in den Vitrinen – und viele sehr gute Duplikate.

Terra Sigilata - hochwertige Nachbildungen

In herrlicher Voralpenlandschaft inmitten von Wiesen und Wäldern wurden zwei Lehrpfade angelegt, die zu Steinbrüchen bei Rieder und am Ettwieser Weiher führen, aus denen das Baumaterial für den Gutshof stammt. Kern der Ausstellung aber ist die Therme.

Natürlich ist Marktoberdorf nicht Augsburg, auch nicht Aachen oder Mainz. Selbst mit Cambodunum kann man Kohlhunden nicht vergleichen. Schon wegen der Ausmaße. Aber nach Aussagen der Archäologen stellt das beim Straßenbau zufällig gefundene Römerbad in Marktoberdorf-Kohlhunden die größte, bekannte römische Villa-Rustica-Anlage im Allgäu dar. Die Bürger sind völlig zu Recht stolz auf ihr kleines Römer-Museum.

                                                                                                                                                                                                      Aufgetischt wird „Römische Steinofenpizza“

Es gibt einen gemauerten Backofen – für römische Steinofenpizza, einen nagelneuen Brunnen, den der Bagger abgeladen hat, und zwei Lehrpfade, die vom Museum aus in die bäuerliche Landschaft zielen: Terra Nostra I und Terra Nostra II.  

Museumspädagogik gibt es auch. Herbert Eigler, der Rektor der Grundschule Marktoberdorf-Thalhofen, seines Zeichens auch zweiter Vorsitzender des Vereins, ist mit dem Spaten unterwegs und organisiert das Familienprogramm. Kleine Schätze – Fibeln, Figuren, Edelsteine – werden so verbuddelt, dass die jungen Archäologen bzw. Schatzsucher mit Eimerchen, Rechen und Schaufeln auch erfolgreich sind.

Auch die Schafweide ist wieder hergerichtet

Die Saison geht im Mai so richtig los. Marktoberdorfs „Römer“ sind bereit. Der „Dienstplan“ für die Sonntage, an denen immer ab 10 Uhr ein Museumsführer vor Ort ist, steht. Ich finde, das „Römerbad“ ist ein außergewöhnlich attraktives Freizeitziel. Für Spaziergänger, für Wanderer, für die ganze Familie. Ideal für den Sonntagsausflug. Oder als Klassenfahrt. Besucher kommen bis vom Bodensee, aus München oder Tirol.

Zum Schluss noch ein Tipp: Marktoberdorfer Bürger, die meinen, sie würden das „Römerbad“ kennen, vielleicht weil sie vor fünf Jahren schon mal da waren, sollten gelegentlich wieder vorbeischauen.

Sie werden sich wundern.

Immer ein Treffpunkt: das "Römerbad" von Marktoberdorf-Kohlhunden

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Das Museum hat im Sommer immer sonntags von 10.00-12.00 Uhr geöffnet. Und jederzeit nach Anmeldung. Am 12. Juni  findet bei den „Römern“ ein Kräutertag mit geführter Kräuterwanderung statt. Und am 3. Oktober ist ein Weinfest geplant. Mehr Infos zum „Römerbad“ aktuell unter: www.roemerbad-marktoberdorf.de

 

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