29.

Jul

Wanderung zum Enschenstein – Sagenhafte Kräuterwanderung im Westallgäu

Elena Kirchmann

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experten-autor

Die ganze Woche regnete es schon in Strömen, aber gegen Nachmittag des heutigen Tages kämpft sich dann doch die Sonne durch und wir können unsere Kräuterwanderung im schönen Westallgäu im Trockenen beginnen.

Die beiden Wildkräuterfrauen Christine Giera und Heike Potrykus empfangen unsere Gruppe warmherzig. Nicht nur über die Heilwirkung der einzelnen Pflanzen sondern auch viel Sagenhaftes wissen die beiden zu berichten, denn gerade in alten Märchen und Sagen wurde oft vieles über das Wesen der Pflanze weitergegeben. Unser erster Pflanzenstopp ist die berühmte Brennnessel. Als Marspflanze streckt sie sich stolz und kräftig wie ein Krieger der Sonne entgegen. Das gespeicherte Sonnenlicht, gibt sie an uns weiter und nicht umsonst sind insbesondere ihre Samen dafür bekannt Vitalität zu spenden. Den Mönchen soll es sogar verboten gewesen zu sein, diese zu verzehren… Pferdehändler mischten es unter das Futter um für Ausdruck und Fellglanz zu sorgen.

Keine Angst vor den Brennhaaren der Brennessel hat unsere Wildkräuterexpertin

Wir folgen dem Wanderweg idyllisch umgeben von Wiesen, als auch schon am Wegesrand ein beachtenswerter Holunderbaum ins Auge fällt. Um den Holunder ranken sich zahlreiche Geschichten und der Baum galt (gilt) lange Zeit als heilig. Als Schutzbaum findet man ihn auch heute noch bei zahlreichen Allgäuer Höfen. Oft wurde der Holunder gegen böse Geister und Blitzeinschlag als Hausbaum gepflanzt. Als Wohnsitz der Frau Holle, der Erdenmutter wurde der Baum verehrt und wer ihn fällte musste mit Krankheit und Tod rechnen. Legenden um Schätze die im Krieg darunter vergraben wurden gibt es ebenso. Die Heilwirkungen sind sehr vielfältig, jedoch sind alle Holunderarten roh giftig und müssen zur Verwendung immer verarbeitet werden.

Bekannt für seine Heilwirkung und für den schmackhaften Blütensirup: der Holunder

Hinein in den dunklen Wald

Der Weg führt nun leicht bergab in einen Wald. Hier liegt gut verborgen der Enschenstein. Der mystische Enschenstein selbst ist eigentlich ein Nagelfluh-Felsen. An den exponiertesten Stellen ragen 15 bis 30 Meter hohe, senkrechte Wände aus dem umgebenden Waldboden auf. Der Zugang ist recht steil und der dichte Bewuchs lässt einen schnell vergessen, dass man sich auf einem Felsblock befindet. Auf dem höchsten Punkt erinnert ein Gedenkstein an die Geschichte (Aufm Enschenstein – Stein der Entschen [Enzen Vorzeitriesen] um 500 vor Chr. Illyrische Felsenburg, um 300 n.Chr. in den Alemannen-Stürmen Fliehburg d. Römer). Eine Bank lädt zur Rast und inneren Einkehr ein, allzu weit entfernen sollte man sich von dieser besser nicht, es besteht Absturzgefahr, gerade einmal drei Meter trennen vom Abgrund. Besonders gefährlich ist es, weil von den unten heraufgewachsenen Bäumen die Abbruchkante verdeckt wird.

Vom Enschenstein aus bietet sich eine herrliche Aussicht

Gedenkstein Enschenstein

Es heiß, dass in der Kriegszeit oder in der Pestzeit dort die Kirchgeräte in Prozessionen hingetragen und versteckt worden seien. Der Kern der Sage ist aber wohl, dass nach Einführung des Christentums die Anhänger der Heidengötter sich auf den Menschenstein zurückgezogen haben, denn wegen einer Seuche braucht man Kirchgeräte nicht verstecken und wenn Krieg ist, nicht mit einer Menge Leute die davon wissen.

15 bis 30 Meter ragen die Felswände hoch

Wir verlassen den Enschenstein und machen uns auf den Weg durchs Trogener Moos nach Schnellers. Die Wiesen gehen bald wieder in Wald über – wie das in der Mosaiklandschaft Westallgäu so typisch ist. Wälder, Hochmoore, Tobel, Wiesen und Wälder wechseln sich stets ab. Im Wald begegnet uns noch das „Stinkende Rupprechtskraut“ oder Storchenschnabel. Diese Pflanze hat viele Namen und zeigt damit ihre Bedeutung auf. „Ruprechtskraut“ heißt es, weil es dem heiligen Ruprecht geweiht ist, er soll die Verwendung des Heilkrauts gelehrt haben. Der Gestank ist auf die ätherischen Öle zurückzuführen, die in den Blättern stecken. „Storchschnabel“ lässt sich leicht ableiten von der Form seiner Früchte. Manche könnte auch die Anwendung des Storchenschnabels bei unerfülltem Kinderwunsch interessieren, denn wie wir alle wissen, bringt ja der Storch die Kinder…

Hier wird präsentiert: Der Storchenschnabel

Auf dem weiteren Weg lernen wir noch einiges über Mädesüß, Scharfgarbe, Wiesenkümmel, Baldrian und woran wir sonst noch so nicht vorbeikommen ohne nachzuhaken. Die Pflanzen jetzt alle aufzulisten würde den Rahmen meines Berichtes sprengen. Stattdessen schlage ich vor, dass jeder selbst einmal eine Kräuterwanderung mitgeht. Alle Termine dazu unter Kraftquelle Allgäu. Das gedruckte Programm erscheint jedes Jahr in umfangreicher Form und liegt in allen Tourist-Infos und Gästeämtern der Region aus.

Natürlich muss man die Kräuter auch schmecken um sie richtig kennenzulernen

Nach 3,5 Std erreichen wir schließlich wieder den Wanderparkplatz in Schnellers bei Oberreute. Auch der Himmel findet es war jetzt lange trocken genug und öffnet wieder seine Schleusen.
Vielen Dank liebe Christine und Heike für die schöne Wanderung. Die Zeit verging wie im Flug und euer Kontakt zum Wettergott war phänomenal.

 

Auch als Augenzierde geeignet: Die Scharfgarbe

 

Auf der Wiese findet man zahlreiche beachtenswerte Kräuter

Kräutermeer am Wegesrand

  1. Annelore Zeh Annelore Zeh sagt:

    Ich bin begeistert von diesem „sagenhaften“ Beitrag. Es ist für Jede/Jeden ein Erlebnis, wenn Sie/Er so eine Kräuterwanderung mitmacht. Man lernt immer wieder was Neues dazu und kann dabei ein wenig vom Alltagseinerlei Abstand bekommen.

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