27.

Jun

Der Ruf der Alpen – Schnupperjodeln in Pfronten

Ingrid Rösner

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experten-autor

Wer vor so einer Kulisse steht, dem muss einfach ein „Juchzer“ herausplatzen! Für das Pfrontener Urgestein Rupert Eberle gibt es viele Anlässe dafür: die traumhafte Kulisse auf dem „Hörnle“ bestaunen, Frust los werden, Lebensfreude zeigen. Juchzen und Jodeln sind für ihn etwas für’s Herz und die Seele – und beides hat ihm schon in einer Lebenskrise geholfen, wieder auf die Beine zu kommen. Deshalb will er auch anderen zeigen, wie wohltuend das Tönen, Schreien und Vibrieren inmitten der Natur ist, obwohl es  Stimme und Körper fordert. „Jodeln hat die gleiche Wirkung wie ein asiatisches Entspannungstraining“ meint er und lächelt zufrieden. Seit fünf Jahren bietet er in Pfronten Jodelkurse an – für Einheimische wie für Gäste, heuer zum Beispiel das ganztägige „Jodeldiplom: Jodeln und Wandern am Berg“ und das dreistündige Schnupperjodeln.

Das laute Juchzen gehört natürlich dazu. Die erste Herausforderung für die Jodelnovizen. Als Erwachsener mal so laut zu sein, wann erlaubt man sich das schon? Für Kinder ist das viel leichter. Doch wer den alpenländischen Ausdruck lernen will, muss den Kontrolleur im Innern zum Schweigen bringen, denn nur dann kann sich die Stimme überschlagen und der typische Jodelton entsteht. Also: Eins, zwei, drei – und raus damit. Die Berge gegenüber sind gelassen, da prallen die lauten Rufe glatt an den Felswänden ab und schicken ein Echo zurück. Geniale Akustik!

Vom Ruf zum Kunstlied

Aus dem Juchzen entwickelte sich vermutlich das Jodeln. Hirten, Waldarbeiter und Senner – sie verständigten sich in den Bergen mit einem lauten Schrei über große Entfernungen, um ein Lebenszeichen zu senden. Auch holten sie damit das Vieh zurück. So wie Ruperts Oma, die mit dem puschartigen Drücken des Zwerchfells nach oben und dem daraus folgenden wortlosen Tönen eines „ho ho ho“ die Kühe zusammentrieb. Was lange Zeit ein Kommunikationsmittel war, entwickelte sich während der Romantik im 17./18. Jahrhundert zu einem Kunstlied. Beständig entwickelte und entwickelt sich das Jodeln weiter. Fantasiewörter aus aneinandergereihten Silben wie holl-o-uu-dii oder hola-ra-di-hü wurden zu mehrtaktigen Jodlern mit Harmoniewechseln. Dieses Tönen als Jodeln zu bezeichnen, war übrigens eine Idee von Kulturjournalisten dieser Zeit. Eigentlich stand es für grobschlächtiges Benehmen oder eben auch das Rufen von Mensch und Tier.

Auch beim Jodeln gibt es verschiedene Techniken. Für Rupert Eberle ist der häufige Wechsel zwischen hoher Kopf- und tiefer Bruststimme wichtig, der sogenannte „geschlagene“ Jodler. Hoch – runter – hoch – runter, ein bisschen wie singen während man hüpft. Kunstvolle Stimmakrobatik. Gar nicht so leicht für die Schüler. Deshalb übt der Jodellehrer Töne nachzuahmen, wie zum Beispiel das Jaulen eines Hundes oder das Anlassen eines Autos. Das kennen manche auch aus Fredl Fesls „Anlassjodler“, der mittlerweile Kultstatus hat.

Jodeln lernt man über’s Ohr – so war es auch bei Rupert. Er schnappte es in der Schuhmacherwerkstatt seines Onkels auf als er fünf Jahre alt war. Dieser hörte Schallplatten mit Jodelgesang rauf und runter. Ein Herzensruf für den kleinen Buben, der lieber dem Tönen und Singen lauschte als in den Kindergarten zu gehen. Bald darauf fing er selbst an zu jodeln und wurde als Talent in der Nachbarschaft herumgereicht. Seit 1973 ist er beim Jodlerchor Pfrontner Buabe“ aktiv.Mit seinen Schülern lernt Rupert Eberle „Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen“, also ein typisches alpenländisches Volkslied. Nach jeder Strophe wird ein Jodler als Refrain gesungen. Wenn das sitzt, setzt Rupert Eberle die zweite Stimme drauf. Die meisten Jodellieder sind mehrstimmig.

Übrigens wird nicht nur im Alpenraum gejodelt. Zwar ist es dort entstanden, schwappte aber dann mit bayerischen und österreichischen Auswanderern bis nach Amerika, wo es bis in die 1940er enorm populär und etwas absolut „Exotisches“ war. Jodler traten neben Feuerschluckern und Kunstradfahrern in Shows auf. Im Alpenraum blieb es immer eine wichtige Tradition, taucht aber heute auch in ganz anderen Musikrichtungen auf, wie z.B. im Hip Hop, Country, Blues oder Electro. Gejodelt wird in der ganzen Welt, so singen u.a. in Asien oder in Afrika Menschen Töne, die dem Jodeln ähneln, was aber meist anders genannt wird.

Die vier Mutigen sind auf jeden Fall ziemlich gelassen und glücklich, als sie wieder vom Hörnle runterwandern. Beim Jodeln kann man gar nichts falsch machen, sondern nur gewinnen: eine wohltuende Klangmassage im Innern, viele Lacher und ein tolles Naturerlebnis inmitten der Allgäuer Alpen. So kann man den Alltagsstress mal für ein paar Stunden komplett vergessen. Juch-hui!

Aktuelle Termine für das Jodeldiplom mit Wandern und das Schnupperjodeln gibt es hier.

Text, Fotografie & Video: Ingrid Yasha Rösner, musenkuss & funkenflug, Nesselwang

Videoschnitt: Bernd Martin, martinmedia Kempten

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