12.

Feb

Johannes Rydzek beim Training

Das Langlaufstadion im Ried: Sport im Einklang mit Natur und Tourismus

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Johannes Rydzek beim TrainingDer Nordische Kombinierer Johannes Rydzek aus Oberstdorf hat in seiner Bachelor-Arbeit den Umbau des Langlaufstadions im Ried im Nachhinein analysiert. Der Fokus lag hierbei auf der sinnvollen ökonomischen und ökologischen Nutzung

Ein großer Teil der Nordischen Ski-WM 2021 in Oberstdorf findet im Langlaufstadion im Ried statt. Diese Sportstätte wurde deshalb im Vorfeld auch umgebaut. Der eigentlichen Bauplanungsphase ging sogar noch eine Arbeitsgruppe voraus, an der auch der Nordische Kombinierer Johannes Rydzek teilnahm. Die Teilnehmer dieser Arbeitsgruppe diskutierten vor allem ein nachhaltiges Konzept für die Sportstätte.

Vorstellung während der Planungsphase

Medientag mit Johannes Rydzek im Langlaufstadion in Oberstdorf

Johannes Rydzek hat dieses Thema dann auch über die Bauphase hinweg sehr interessiert – nicht nur weil er Profisportler ist, sondern auch weil er damals Wirtschaftsingenieurwesen in Kempten studiert hat. Er erzählte seinem Professor von seinem Interesse. Schließlich kamen die beiden auf die Idee, dass Rydzek in seiner Bachelor-Arbeit die Planung des Umbaus unter Umwelt- und auch sozialen Aspekten untersuchen könnte. Schließlich stand das Thema der Arbeit fest: „Handlungsempfehlungen für die Nachhaltigkeit eines Sportgroßevents am Beispiel des neuen Langlaufzentrum der FIS Nordischen Ski Weltmeisterschaft in Oberstdorf“ Das Schriftstück ist noch nicht öffentlich.

Tunnel im Langlaufstadion

Im Vordergrund der Arbeit stünden Umweltaspekte, wie das Schaffen von neuen Lebensräumen als Ausgleichsfläche für Reptilien und Insekten zum Beispiel. Rydzek erzählt weiter: „Ich habe außerdem ausgearbeitet, welch großes Potential die Sportstätte in punkto Nachhaltigkeit birgt: In einem Langlaufstadion wie dem Ried könnte ein ganzjähriger Betrieb für Sportler und Besucher installiert werden. Ein Skisprungstadion hätte hier im Vergleich weniger Potential, denn hier wird ‚nur‘ gesprungen.“

„Man müsste im Ried investieren, um den Betrieb im Sommer zu starten. Die aktuelle ÖPNV-Haltestelle am Renksteg sollte nach meinen Empfehlungen zum Beispiel näher Richtung Langlaufstadion verlegt werden. Außerdem gäbe es Optimierungsbedarf bei der Beschilderung: Es müsste daraus hervorgehen, dass im Ried etwas geboten ist“, sagt Rydzek.

Auch ein zusätzliches Gebäude, das als Zentrum für Bergsport genutzt werden könnte, ist Teil der theoretischen Ausführung des 29-jährigen Profisportlers: „Hier könnten sich Touristen oder Schulklassen auf einem Ausflug über umweltverträglichen Sport in den Alpen oder den Umgang mit der Natur im Allgemeinen informieren. Ich habe diesen Sommer beim Trainieren schon gemerkt, dass eindeutig mehr Ausflügler im Ried waren. Dieses potentielle Zentrum, in dem auch ein Café oder ein Museum untergebracht sein könnte, könnte den Besucherstrom besser lenken“, sagt der 29-Jährige.

„Ein Verleih für Langlaufski im Winter wäre auch sinnvoll. Im Sommer könnte man Skiroller verleihen. Möglichst viele Breitensportler sollten also die Rollerbahn und auch die Loipen mitbenutzen. Je mehr Leute die sportliche Infrastruktur nutzen, desto nachhaltiger ist die Sportstätte an sich. Die sogenannten Finnenbahnen, die mit Hackschnitzeln bestreut sind, dämpfen super beim Gehen und könnten somit zu gelenkschonenden Naturlehrpfaden für die ganze Familie werden. Außerdem sind diese Hackschnitzelwege auch eine Vorstufe fürs Trailrunning“, sagt Rydzek.

Johannes Rydzek (* 9. Dezember 1991 in Oberstdorf) ist ein deutscher Nordischer Kombinierer. Er wurde 2018 Olympiasieger von der Gro§schanze und gewann bei den Nordischen Skiweltmeisterschaften 2015 und 2017 sechs Weltmeistertitel.
Hier Fotoshootings auf dem Nebelhorn in Oberstdorf

Was spricht gegen die Umsetzung der Punkte?

„Meine Bachelor-Arbeit ist wirklich nur Theorie und sie hat auch keinen Anspruch auf Umsetzbarkeit. Dazu kommt noch, dass ich die Arbeit erst im Mai 2020 fertiggestellt habe – also eindeutig nach der Planungsphase, die ja schon 2019 mit Anfang der Bauarbeiten im Langlaufstadion beendet war. Unabhängig davon: Wenn alles so realisiert werden würde, wie in meiner Bachelor-Arbeit ausgearbeitet, würden sich die Verantwortlichkeiten im Betreiberkonzept erstmal überschneiden. Es sollte also einen Konsens geben, der die strittigen Punkte, wie Finanzen und auch Rechtliches beinhaltet. Ich gebe zu, das ist erstmal eine Herausforderung, aber am Ende wäre es gut, wenn eine Lösung für alle da wäre – vor allem in ökonomischer Hinsicht“, meint der Nordische Kombinierer aus Oberstdorf.

Die Verantwortlichen achteten beim Umbau des Stadions vor zwei Jahren außerdem sehr stark auf ökologische Aspekte. Während ein Teich als rein technischer Beschneiuungsteich dient, ist der andere Teich naturbelassen und großzügig angelegt. Dieser bietet somit Lebensraum für Reptilien und Amphibien. Im Ried gibt es teils geschützte Tierarten. Auf diese Arten nahmen die Verantwortlichen bei den Baumaßnahmen Rücksicht. Wie zum Beispiel auf die Haselmaus: Das kleine Nagetier liebt Mischwälder. Deshalb achtete man darauf, dass bei der Entstehung des neuen Beschneiungsteichs möglichst wenig des wertvollen, alten Baumbestandes gerodet wurde. Außerdem gibt es seit den Baumaßnahmen Nistkästen am Waldrand. Diese hing man auf, um den Tieren aus dem gerodeten Teil des Waldes eine Alternative zu bieten – mit Erfolg: Die Haselmäuse nahmen die Nistkästen sehr gut an.

Auch der Alpensalamander lebt in dem Mischwald im Ried. Hier gibt es sogar einen vergleichsweise hohen Artbestand. Der Alpensalamander wird in Deutschland generell als „streng geschützt“ eingestuft. Er kommt mit plötzlichen Veränderungen in seinem Lebensraum nur schlecht klar, deshalb mussten die Verantwortlichen den Mischwald bei den Baumaßnahmen für diese empfindliche Tierart besonders attraktiv machen: Steinplatten, alte Wurzelstöcke und morsches Holz wurden verteilt. Diese dienen dem Alpensalamander als Unterschlupf. „Wichtig ist, dass die Menschen auf diese sensible Tierart auch im täglichen Betrieb Rücksicht nehmen“, sagt Rydzek.

Der Parkplatz ist nach den Baumaßnahmen nur zum Teil asphaltiert. Die anderen Parkflächen sind geschottert: Somit können dort natürliche Mischgräser wachsen. Falter und Schmetterlinge fühlen sich darin wohl. „2005 wurde das Ried schon mal umgebaut. Dadurch ist die Artenvielfalt der Falter sogar gestiegen. Das geschah aber eher zufällig: Südlich des alten Beschneiungsteichs wuchs nach dem Umbau auf einmal sogenannter Magerrasen und es gab Schotterflur. Diese Flächen wurden zu wertvollem Lebensraum für Schmetterlinge und Falter. Sie fielen leider kurzzeitig dem Bau eines neuen Teiches zum Opfer. Um Ausgleich für die vielen Falter- und Schmetterlingsarten zu schaffen, entstand zum Einen ein teils geschotterter Parkplatz. Und zum Anderen wurde ganz in der Nähe des neuen Beschneiungsteichs eine artenreiche Wiese mit heimischem Wildblumen und Gräsern angelegt“, so der 29-Jährige.

„Wenn irgendwo gebaut wird, bedeutet das immer einen Eingriff in die Flora und Fauna. Die Arbeitsgruppe im Vorfeld hat zum Beispiel diskutiert, wie dieser Eingriff möglichst wenig weitreichende Folgen für die Natur hat. Ich und die anderen Teilnehmer dieser Gruppe haben beispielsweise darauf aufmerksam gemacht, dass möglichst wenig alte Bäume bei den Baumaßnahmen gerodet werden sollten. Auch Experten haben diese Empfehlung ausgesprochen und die Verantwortlichen sind ihr nachgekommen. Außerdem diskutierten wir, andere Lebensräume für die Tierarten in Form von Ausgleichsflächen zu schaffen. Auch dieser Punkt wurde letztlich umgesetzt: Solche Flächen gibt es zum Beispiel in Schöllang“, sagt Rydzek.

„Es ist etwas richtig Cooles im Ried draußen entstanden. Hier gibt es viel Platz und es hat sich alles gut in die Natur eingefügt. Allein schon das begrünte Dach des neuen Gebäudes macht einiges aus“, meint der 29-Jährige. „Für Sportler ist es auch super. Hier könnte man aber auch noch etwas nachbessern: Es gibt einen Abschnitt auf der Loipe, wo die Streckenführung nicht gut ausgeschildert ist. Man befindet sich quasi auf einer großen, gewalzten Fläche, viele sind verwirrt und fahren deshalb kreuz und quer. Außerdem könnte man hier noch eine Trainingskalthalle bauen. Solche Hallen mit Geräten sind in Oberstdorf leider Mangelware“, sagt er.

„Ich will aber wirklich nicht jammern. Das Ried hat deutschlandweit Alleinstellungsmerkmal. Vergleichbares gibt es vielleicht in Italien. Wir haben die Chance, uns mit einem schlüssigen, nachhaltigen Konzept zum Beispiel eindeutig von Ruhpolding abzusetzen. Dort sind die Sportstätten wirklich nur für Sportler gedacht. Wir hätten im Langlaufstadion schon viele Voraussetzungen für eine sinnvolle Nutzung durch Profis, Breitensportler und Besucher. Wir müssen sie nur noch nutzen. Die größte Herausforderung wird das harmonische Miteinander aller Beteiligten. Mein Traum wäre es außerdem, Stück für Stück dort draußen ein Nordisches Zentrum zu installieren“, erzählt der Kombinierer.

Auch Hans-Martin Renn, ein Architekt aus Fischen im Allgäu, der das Konzept im Ried mit dem übergehbaren Gebäude anfangs selber geplant hatte, meint: „Oberstdorf setzt sich wirklich ab mit dem, was es an Sportstätten für die WMs 2005 und 2021 bekommen hat. Diese Entwicklung wird man meiner Meinung nach aber erst später merken. Zum Beispiel hatten durch die Ski-WM 2005 damals Karl Geiger, Vinzenz Geiger und auch Johannes Rydzek den Traum, irgendwann bei solchen Wettkämpfen mitzuspringen oder mit zu laufen. Wer weiß, wer aus dem Nachwuchs durch die Ski-WM dieses Jahr zu sportlichen Höchstleistungen motiviert wird. Oberstdorf beweist damit, dass es ein funktionierender Stützpunkt ist.“

Der Nordische Kombinierer Johannes Rydzek hat sich in seiner Bachelor-Arbeit tief mit der Materie Nachhaltigkeit im Ried befasst. Seine Arbeit ist zwar noch unter Verschluss, aber als Person des öffentlichen Lebens kann er seine Ansicht nach außen kommunizieren: „Ich hoffe auf einen dynamischen Prozess, der sicher durch Kommunikation entsteht. Vielleicht findet meine Sichtweise Anklang, andere haben sicher noch andere Ideen. Davon bin ich überzeugt.“

Weniger sicher ist sich Johannes Rydzek allerdings, wo es ihn nach seiner sportlichen Karriere beruflich hin verschlägt: „Das weiß ich jetzt noch nicht. Aber die Verknüpfung der Ingenieursseite mit BWL hin zum Sport wie in meiner Bachelor-Arbeit kann ich mir sehr gut vorstellen.“

Zum Schluss meint er noch lachend: „Vielleicht lasse ich auch noch mein neues Hobby Fotografie mit einfließen. Wer weiß?“

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