16.

Mrz

Im Hut-Tornado: Besuch in der Hut-Stadt Lindenberg

Susanne Baade und Dirk Lehmann

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Wir machen uns auf den Weg, erkunden die Städte des Allgäus in Rund- und Spaziergängen, Betrachtungen und Gesprächen. Wir? Zwei erfahrene Reisejournalisten, die ihrer Sammlung an Länderpunkten einen weiteren hinzufügen – das Allgäu. Wir besuchen die einstige Hut-Hauptstadt-Europas: Lindenberg. Begleiten Sie uns…

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Markante Erscheinung: die einstige Fabrik beherbergt heute das Hutmuseum

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Die Maschinen einer anderen Zeit erzählen die Geschichte einer vergessenen Mode

 

Kerle wie James Bond waren Schuld. Anfang der 1960er Jahre startet der Agent Ihrer Majestät auch im Kino die Jagd nach den Verbrechern der internationalen Terror-Organisation S.P.E.C.T.R.E. Bond war ein neuer Typ Mann: gut gebaut, maßgeschneiderter Anzug, mit Lizenz zum Töten. Und mit so viel Sex-Appeal, dass ihm die Frauen zu Füßen lagen. Bond fuhr einen engen Sportwagen. Auch deshalb war wohl ein 007 mit Hut nicht denkbar. Und so markiert das Aufkommen eines modernen Superhelden und seiner Ideale das Ende einer Epoche – bis dahin trugen Männer ganz selbstverständlich Hut. Auch bei der Gangsterjagd.

Dieses Museum ist kein Ort der Wehmut

Im Hut-Museum beginnt man unweigerlich, über die Frage nachzudenken: Wann wurde eigentlich aufgehört, Hut zu tragen. Man fragt sich das ohne Groll, ohne Wehmut. Und das ist eine besondere Stärke dieses wunderbaren Ortes. Das schön gemachte Museum in Lindenberg ist kein Museum, das einen Verlust thematisiert. Sondern es zeigt eine Epoche, es dokumentiert eine Arbeitswelt. Wir verstehen, wie sich die Kunst des Hutmachens in einem Dorf im Süden Deutschlands erst etabliert, dann verfeinert, bis sie schließlich zur bestimmenden Industrie wird.

 

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Strohhut und Hausherrin: Kathrin Felle führt durch das viel gerühmte Museum

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Multimedial und sehr bildhaft wird das Verschwinden eines Kleidungsstücks gezeigt

 

Zusammengefasst lässt sich sagen, Lindenberg profitierte von seiner Lage. Die kleine Stadt an einer einstigen Römerstraße zwischen Brigantium (Bregenz) und Augusta Vindelicorum (Augsburg) war ein wichtiger Ort für den Pferdehandel. Viele Anbieter und Käufer kamen aus Italien. Sie schützten sich während ihrer Reisen mit Strohhüten gegen die starke Sonne. Seit dem 17. Jahrhundert ist der Handel mit Hüten dokumentiert, auf Märkten und von fliegenden Händlern. Und dann hat auch die Herstellung in Heimarbeit begonnen. 1755 wurde eine Hut-Compagnie gegründet, die übernahm für die Arbeiter die Vermarktung der Hüte.

Man bezog Rohstoffe von überall, verkaufte in alle Welt

Mehr als 300 Lindenberger Familien waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Hutmacherei tätig. Ja, Familien, denn selbstverständlich mussten auch die Kinder arbeiten, damit die Einnahmen zum Leben reichten. 1835 wurde die erste Hutfabrik gebaut. Die Menschen, die bis dahin im Rhythmus des eigenen Lebens ihr Geld verdienten, schufteten nun im Takt der Maschinen. Und doch war es der Beginn einer goldenen Epoche. In deren Hochzeit produzierten hier 34 Unternehmen bis zu acht Millionen Hüte jährlich. Lindenberg war die Hut-Hauptstadt-Deutschlands – man bezog Rohstoffe sogar aus China und verkaufte die Produkte bis nach Amerika.

 

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Der Hut war out, andere Kopfbedeckungen sind in – Pudelmütze, Prinz-Heinrich-Mütze…

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Das Museum bietet Gelegenheit zum Verweilen – drinnen oder draußen, wohlbehütet

 

Kathrin Felle, Leiterin Kultur und Tourismus der Stadt Lindenberg, führt uns durchs Haus. Das Hutmuseum macht Lust darauf, sich mit dem Thema zu befassen. Man sieht die Unterschiede zwischen groben Hut und feinem Strohhut, den die Lindenberger nach italienischem Vorbild fertigten. Und die schöne Kunst war erfolgreicher. Dann wechseln die Moden. In den 1920er Jahren kommt die Strohhut-Krise. Man trägt Filz. Und danach Stahl. Mit dem Zweiten Weltkrieg erhält die Kunst der Kopfbedeckung einen ersten Dämpfer.

Was haben James Bond und die Beatles gemein: keine Hüte

Es folgt eine kurze Hut-Renaissance in den 1950er und -60er Jahren. Man sieht sie überall, in Filmen und auf Fotos – Frauen und Männer mit Hut. Bei den Frauen ist der eher ein modisches Accessoire, bei den Männern ein Alltagsgegenstand. Der in den 1960ern dann langsam verschwindet. James Bond, Woodstock, Hippies, Punk. Im Zentrum des Hutmuseums steht eine große Skulptur. Ein Wirbel, der die Moden und Techniken darstellt, der „Huttornado“ zeigt eindrucksvoll, wie die Kopfbedeckung davon fliegt. Verrückt, dabei hat man am Ende, wenn man dieses schöne Haus in Lindenberg verlässt, ganz viel Lust darauf, einen Hut zu tragen…

 

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Vom Friedhof aus zu sehen: Schlot der Hutfabrik, inzwischen ist der Hut nur noch Geschichte

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Friedhof mit großen Namen für eine kleine Stadt – und eine große Kirche

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„Wünsche einen guten Tag, Herr Wachtmeister.“ Damals zückte man noch den Hut…

 

Wir spazieren noch ein wenig durch diese große, kleine Stadt. Die mächtige Kirche, der weitläufige Friedhof, das lebendige Zentrum. Es wird viel gebaut in Lindenberg. Eine Stadt mit Geschichte. Die sie ehrt. Und aus deren Schatten sie längst heraus getreten ist.

Das Hutmuseum. Alle Infos für den Besuch in diesem spannenden Ort.

Lindenberg. Kleine Stadt ganz groß. Alles über Lindenberg.

Das Allgäu. Die besten Infos zu Stadt und Umgebung.

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