27.

Aug

Von Rauschbeeren und Wasserpalmen

Stefanie Böck

Registrierter

experten-autor

Wenn Dr. Stefan Hövel in die Natur geht, sieht das so aus, als wäre er auf einer Party zu Gast, auf der er jeden kennt. Lächelnd schlendert er durch die Reihen, prüft interessiert das Befinden, nickt freundlich und freut sich über jede einzelne Begegnung: egal ob mit Wollgras, Wachtelkönig oder Fieberklee. „Isnyer NaturSommer“ heißt das Programm, bei dem man den amüsanten Biologen auf seinen Erkundungstouren durch die Bodenmöser zwischen Eisenharz und Isny begleiten darf. Programm heute: Entstehung und Nutzung der Feuchtgebiete plus Details zu ihren Bewohnern.

Moore gehören zu Hövels absoluten Lieblingslebensräumen. „Es ist unglaublich spannend, was hier los ist“, sagt er. Die kleine Gruppe hinter ihm starrt angestrengt in die friedlich brach liegende, wild bewachsene Feuchtwiese. Am Rand ragen Schilfstängel empor, weiter hinten sieht man Gräser und violette Blüten. Aber lebhaft wirkt das Plätzchen nicht. Bis der Biologe mit seinen Wanderstiefeln zwei Schritte vorwärts in die Wiese marschiert. Plötzlich wirbeln allerlei Insekten auf. Hastig hüpft, flattert und krabbelt es davon. „Sehen Sie das?“, fragt Hövel und grinst. „Hier ist was los.“ Dann bückt er sich: „Ach, schau an!“. Blitzschnell grapscht er an einem grünen Stängel vorbei. Als er die Hand wieder öffnet, guckt eine verschreckte Sumpfschrecke hervor. „Die hab‘ ich hier ja schon länger nicht mehr gesehen. Das ist ja toll.“

Behutsam präsentiert er seinen Begleitern das grüne Tierchen mit den orangenen Oberschenkeln und den schwarzen Knien. Und der braunen Suppe vor der Nase. „Jetzt spuckt sie. Das machen alle. Wollen Sie probieren?“ Wie, probieren, die braune Minipfütze? Nein – danke, ist sich die Gruppe einig. „Ist auch besser so. Das schmeckt nämlich bitter. Soll Vögel abschrecken.“ Klappt auch bei Natursommer-Wanderern. Hövel lässt die Schrecke wieder frei.

Nach einer kleinen Einführung über den Weg des Gletschers, aufgeschobene Seitenmoränen und den Untergrund, lernen wir bei einem lockeren Spaziergang alles über Hoch- und Niedermoore. Wie sie gemäht werden, wo das Gras hinkommt, wie sie überhaupt entstanden sind und wie viele es davon heute noch gibt.

Dabei kommen wir nur langsam voran. Immer wieder biegt Stefan Hövel ab und zeigt uns Pflanzen, die rasseln können, Blätter, die Fieber senken, Orchideen, die ganz selten sind und Schilf, das vor Tausenden von Jahren hier zu wertvollem Torf zerfallen ist. Nach drei von sieben Kilometern stoppt die kleine Gruppe und klettert behutsam auf federndes Plateau. „Früher hätten Sie hier nicht stehen können“, erzählt Hövel. „Da war hier alles klatschnass.“ Heute trägt die flauschige Schicht ihre Besucher problemlos.

Warum? Hövel macht ein Rätsel draus: Was sehen Sie? Was sehen Sie nicht? Wo stehen wir? Warum geht das überhaupt? Schritt für Schritt führt er uns an den Aufbau des Untergrunds heran. Bevor er plötzlich in eine kleine Senke steigt und gebückt ein freudiges „Hab ich dich!“ ausruft. Mit einem sackartigen Pflanzenbüschel kehrt er zurück. „Was ist das?“ Stille. „Wonach sieht es denn aus?“ Jetzt traut sich einer: „Moos?“ „Genau, so ähnlich“, ermuntert der Naturexperte seine Zuhörer. „Torfmoos – das hat drei ganz brutale Eigenschaften.“

Brutale Eigenschaften? Kaum zu glauben, denn das Pflänzchen sieht aus wie lauter verkeilte Minipalmen. Bis Hövel seine Hand zusammenquetscht. Nach allen Seiten spritzt das Wasser. „Sehen Sie? Diese Pflanze kann 30-mal so viel Wasser speichern, wie ihr eigenes Trockengewicht.“ Brutale Eigenschaft Nummer zwei: Torfmoos hat keine Wurzeln, wächst jedes Jahr einen winzigen Millimeter nach oben und macht drittens Konkurrenten dazu noch die Umgebung madig. „Torfmoos macht seine Umgebung sauer, damit nichts anderes wachsen kann.“

Hier wachsen aber sehr wohl noch andere Pflanzen. Entwässerungskanäle machen es möglich, dass wenige Schritte weiter Blaubeeren an einem Mini-Strauch baumeln. Oder? „Wollen Sie probieren?“, fragt Hövel frech. Ich schüttle den Kopf. „Gut so – nie etwas essen, bei dem man sich nicht sicher ist. Das sind Rauschbeeren.“ Klingt unterhaltsam. Sind aber giftig. „Bis zur toxischen Wirkung müssten Sie aber sehr viele davon essen.“ Hövel grinst. Ich denke noch über die Rauschbeeren nach, als wir bereits wieder vom Plateau steigen und weiter durch Wälder und an Wiesen entlang schlendern.

Im Sonnenuntergang erreichen wir die Bodenmöser vor Isny: Goldene Sonnenstrahlen bringen die Stadttürme zum Leuchten. Im gleichmäßigen Spazierschritt gehen wir dem Ensemble vor der Adelegg entgegen. Dabei hängen unsere Gedanken den kleinen Geschichten von Dr. Stefan Hövel nach, die den Blick auf die Natur verändern – und immer neue Fragen aufwerfen: Was ist das hier für eine Blüte? Welcher Vogel singt denn da? Was riecht hier so nach Minze? Stefan Hövel antwortet geduldig. Bis zum Kurhaus im Stadtpark, wo der Allgäuer Natursommerabend ein friedliches Ende nimmt.

INFO:

70 Prozent der Fläche von Isny stehen unter Naturschutz. Der Isnyer NaturSommer bietet Besuchern Einblicke in die interessantesten Ecken – immer in Begleitung eines kompetenten und unterhaltsamen Experten.

Die nächsten Termine sind:

Adelegg: Dichter Wald
mit Journalist und Autor Rudi Holzberger
So 2. September, 10 Uhr
Treffpunkt: Kurhaus am Park, Isny

Das Schächele bei Isny
mit Diplom-Biologe Stefan Hövel
Fr 14. September, 10 Uhr
Treffpunkt: Kurhaus am Park, Isny

Adelegg: Allgäuer Ein- und Ausblicke
mit Natur- und Landschaftsführerin Sabine Lang-Mayer
So 16. September, 10 Uhr
Treffpunkt: Alpe Wenger Egg (Zufahrt über Mautstraße)

Adelegg: Wiesen, Wälder, Wilde Tobel
mit Diplom-Geografin Sibylle Englmann
So 7. Oktober, 10 Uhr
Treffpunkt: Dorfstraße (Nähe Rathaus), Isny-Rohrdorf

Adelegg: Auf den Schwarzen Grat
mit DAV-Wanderführerin Beatrix Maucher
So 21. Oktober, 10 Uhr
Treffpunkt: Wanderparkplatz Haus Tanne, Isny-Eisenbach

Die Exkursionen dauern zwischen zwei und vier Stunden, die Kosten für die Führungen betragen 9 Euro. Für Inhaber der Kurkarte Isny und der Allgäu-Walser-Card gibt es 2 Euro Ermäßigung. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, die Mindestteilnehmerzahl liegt bei 6 Personen.

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