6.

Okt

Wenn die Schumpen durchbrennen

Franz Kinker

Registrierter

experten-autor

Ein sonniger Herbsttag im beschaulichen Allgäu. Das Auge streift über saftig grüne Wiesen. Hier und dort sieht man Rinder auf den Weiden. Ein nicht mehr alltägliches Bild, denn Tiere auf Weiden zu halten ist mit einem gewissen Aufwand verbunden, den sich viele Landwirte heutzutage nicht mehr antun wollen.

Vorsicht: Kühe auf der Weide
In unserem kleinen Ort ist die Welt allerdings noch in Ordnung. Trotz Strukturwandel sind in unserer Nachbarschaft noch ein paar Bauern verblieben, die sich leidenschaftlich um ihre Rinder kümmern. Sie kennen jede Kuh beim Namen und nehmen den Mehraufwand gerne in Kauf, wenn sie ihre Rinder täglich auf die Weide treiben, oder das Jungvieh auf der Sommerweide älpen, wie man bei uns sagt.
Als gewissenhafter Bauer schaut man täglich zu seinen Tieren. Es könnte ja sein, dass der Zaun beschädigt ist, jemand das Gatter nicht geschlossen hat, das Tränkewasser im Weidefass leer ist, oder eine Kuh unerwartet gekalbt hat.

Die Teenager unter den Rindern
Wie gewohnt startete ich nach dem Mittagessen mit meinem historischen Traktor zur täglichen Kontrollfahrt hinunter auf die Weide zu meinen Kühen und den „Schumpen“. Den Begriff „Schumpen“ sollte ich vielleicht für landwirtschaftsfremde Personen noch erklären: Schumpen, so werden bei uns im Allgäu die Jungrinder genannt. Das sind die „Teenager“ unter den Rindern. Also keine Schmusekälber mehr, und auch keine geruhsamen Kühe. Wer schon mal mit pubertierenden Kindern zu tun hatte, der weiß wovon ich spreche. Schumpen sind neugierig, impulsiv und ständig darauf bedacht, die Umgebung zu erkunden oder Blödsinn zu machen.
Nichtsahnend will ich mit meinem Trecker an der Weggabelung die Abzweigung auf den Feldweg nehmen, als ich meinen Feld-Nachbarn Georg mit hochrotem Kopf und hohen Gummistiefeln auf seiner Weide hin und her rennen sehe. Georg, auch Schorsch genannt, ist Junggeselle und lebt alleine auf seinem Hof. Ihr könnt euch sicher vorstellen was es heisst, rebellische, entlaufene Rinder (oder noch schlimmer Schumpen) alleine zu fangen. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wem das gelingt, der hat entweder riesen Glück oder ist ein „Kuhversteher.“

Alleine ist man aufgeschmissen
Dass man sich in so einer Situation hilft, ist mehr als selbstverständlich. In entlegenen Ortschaften wie bei uns, ist man auf Nachbarschaftshilfe angewiesen. Das ist Ehrensache.
Mein erster Blick auf die Situation sagt mir, dass der Zaun defekt ist, ein paar von Schorsch´s Rindern abgehauen sind, und der Schorsch nun verzweifelt versucht, die verbleibenden Rinder auch nicht noch ausbüchsen zu lassen.
Für mich war in diesem Moment klar, dass hier noch mehr Man- oder Frauenpower gefragt ist. Wir zwei unsportlichen Mittfünfziger halten die aufgebrachten Rinder unmöglich in Schach! Zum Glück hatte ich mein ausnahmsweise aufgeladenes Handy dabei, und zum grösseren Glück hat meine Frau das Klingeln des Telefons zuhause auch noch gehört.
Ich habe ihr sofort klar gemacht, dass sie ihre Teller und Töpfe stehen lassen soll, ein paar lange Hirtenstöcke mitnehmen möchte, und jeden, den sie auf dem Weg trifft dazu auffordert, uns zwei auf der Weide zu helfen.
Genauso nichtsahnend wie ich, fuhr der „Froosch“ mit seinem Traktor an unserem Hof vorbei. Der „Froosch“ ist ein Klassenkamerad vom Georg und mir aus der Grundschulzeit. Ebenfalls ein Junggeselle. Eigentlich heißt er ja Heinz. Aber der Name Froosch passt viel besser zu ihm. Und jeder aus dem Dorf weiß, wer damit gemeint ist.

Stramme Frooschschenkel
Als Irmi den Froosch mit seinem Traktor herannahen sah, stoppte sie ihn und berichtete von dem Missgeschick der entlaufenen Schumpen. Die Mine des Froosches verfinsterte sich deutlich, denn mit schnellen Bewegungen, die hier erforderlich waren, hatte er sich noch nie anfreunden können. Zudem trug er ebenfalls kniehohe Gummistiefel, wie der Schorsch, allerdings waren seine leuchtend Gelb. Der Einzige, der einigermaßen vom Fleck kam war ich, denn meine Arbeitsschuhe hinderten mich nicht zu sehr bei meinen athletischen Bewegungen.
Als die Hilfsmannschaft auf der Weide vollzählig war, galt es zunächst die verbliebenen Rinder in ein Weideabteil zu treiben, in dem der Zaun noch unbeschädigt war. Dies gelang uns beizeiten, und so machten wir uns auf die Suche nach dem Rest der Herde. „Drei Stück fehlen“, sagte der Schorsch kurzatmig. Mehr nicht, denn mittlerweile fehlte ihm die Puste.

Wie die alten Indianer
Mehr an Information war auch nicht nötig, denn jetzt galt es die Fußspuren der Hufe im Gras zu verfolgen, und den Ausbrechern auf den Fersen zu bleiben.
Viel Zeit zur Fährtensuche blieb uns nicht, denn von Weitem hörte man es deutlich krachen: Die drei Tiere sprangen in ihrer Panik durch den Zaun der Nachbarweide. Das laute Krachen kam vom Bersten der Zaunpfähle. Was aufs Erste nichts Gutes verhieß, führte uns aber direkt zu den Ausbrechern. Wir brauchten nur dem Geräusch zu folgen. Die Vorstellung, dass wir ruhig auf die Tiere zugehen, mit ihnen reden, und dazu bewegen, in Richtung Heimatweide zu gehen, wurde schnell zunichte gemacht: Als wir den Tieren näher kamen reckten sie ihre Köpfe in die Höhe, die Schwänze auch, und im Galopp rannten sie in den nahen Wald! So schnell konnten wir gar nicht schauen, geschweige hinterherlaufen. Erst musste ja der Zaun wieder notdürftig geflickt werden, um nicht noch mehr Ausbrechern hinterherzurennen.
Das Feld der Verfolger hat sich mittlerweile in die Länge gestreckt. Ich als der Arbeitsschuh- Läufer vorneweg, Irmi schnaufend hinter mir, Schorsch mit den grünen Stiefeln im Mittelfeld und der Froosch fluchend hinterher. Die Ausdrücke die hier gefallen sind, darf ich hier gar nicht nennen: Es handelte sich um spezielle Allgäuer Kraftausdrücke, die sicher nicht jugendfrei wären.

Wo sind die Glocken?!
Vom Froosch kam jetzt auch der berechtigte Kommentar: „Warum haben denn die keine Glocken?“ Zefix nochmal! Grad jetzt wären die so wichtig, denn dann könnte man die Schumpen im Unterholz hören!
Mittlerweile war es kurz vor der Stallzeit. Jeder von uns sollte seine Kühe melken. Uns war aber auch klar, dass wir alleine die Wildgewordenen nicht bändigen konnten. So entschied sich Schorsch unseren Jäger anzurufen, damit er mit dem Betäubungsgewehr beim nächsten Sichtkontakt zumindest mal eines der Rinder in einen vorübergehenden Schlaf versetzt. Vielleicht blieben die anderen zwei dann bei dem Schlafenden? Rinder sind ja bekanntermaßen Herdentiere … Wer weiß? Wir wussten uns in dieser Situation keinen besseren Rat.
Der Jäger kam auch unvermittelt, lud sein Gewehr mit Betäubungsmittel, ging in Position und wartete. Im dichten Unterholz rührte sich nichts mehr. Das Schweigen im Walde. Man hätte meinen können, die Schumpen versteckten sich absichtlich und grinsten sich eines.
Mehr oder weniger ratlos blickten wir in Richtung des Waldes und nutzten die Verschnaufpause für eine Beratung über die weitere Vorgehensweise. Resigniert kamen wir zu dem Ergebnis, dass es am Klügsten wäre, die Suche kurzfristig abzublasen.
Es drängte auch die Zeit. Daheim mussten die Kühe gemolken werden. Der Jäger entlud sein
Gewehr und rückte mürrisch und unverrichteter Dinge wieder ab. Wir vereinbarten, uns nach der Stallarbeit wieder am Nachbarhof zu treffen, und die Suche fortzusetzen.

Melken als Inspirationsquelle
Während des Melkens überlegte jeder von uns eine neue Strategie, wie wir die entlaufenen Tiere einfangen konnten. Lange durften wir nicht mehr herum fackeln. Wenn es dunkel wurde, hatten wir verspielt. Die Gefahr bestand ja nicht nur darin, dass sich die Rinder noch weiter von ihrer Herde entfernten, sondern dass sie auf eine der vielbefahrenen Straßen liefen. Bei Dunkelheit ist das der Super-Gau. Gar nicht auszumalen, sollte dies passieren …
In Windeseile wurden die Kühe gemolken und gefüttert. Pünktlich war die Mannschaft wieder auf dem Hof des anderen Nachbarn, der übrigens „Schnuggi“ genannt wird, versammelt. Von dort hatte man einen guten Überblick auf das Waldstück, in dem wir die Ausbrecher vermuteten.

Auf den Hund gekommen
Plötzlich hörten wir ein lautes Bellen aus dem Wald. Wie sich später herausstellte streunte Schnuggis gut erzogener Hofhund durch die Gegend und bemerkte anscheinend die drei Rinder. Es dauerte auch nicht lange, da stoben die drei schon aus dem Dickicht. Der Hund hächelnd hinterher. Er trieb die Schumpen geradewegs auf uns zu! Schnuggi reagierte spontan und öffnete die Türe eines Stalles, der gerade nicht belegt war. Erstaunlicherweise erforderte es nur mehr geringe Anstrengungen, die schwitzenden Rinder in den Stall zu treiben. Ich vermute, denen war der Tag einfach zu anstrengend, und sie hatten genug von ihrem Erkundungstrip. Als die Tiere im Stall befestigt waren, begann auch für uns das grosse Verschnaufen. Erst mal tief Luft holen und dankbar sein, dass die Odyssee ein Ende gefunden hat.

Hausarrest und Brotzeit
Schorsch brachte anschließend seinen Viehwagen, in den wir die Rinder verluden. Auf die Weide kamen die drei aber ein paar Tage nicht. Davon konnten sie nur träumen. Sie sollten sich erst im Stall beruhigen und ein bißchen über ihr Verhalten nachgrübeln …
So wie im wahren Leben hat die Geschichte auch ein Happy End. Der Schorsch lud uns alle auf eine deftige Helferbrotzeit ein, und Schnuggis Hofhund bekam eine grosse Dose Hundefutter und einen Knochen zur Belohnung.

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