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Sep

200 Jahre Kneipp im Allgäu. Eine Reise zu den Kneipp-Orten: Scheidegg

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Wir feiern den berühmten Allgäuer – und machen uns auf die Suche nach der Wirkkraft, die die Lehre von Sebastian Kneipp heute noch hat. Dafür bereisen wir ausgewählte Orte im Allgäu. Zum Beispiel: Scheidegg. Und wir fragen uns: Was macht die Kneipp’sche Lehre mit uns?

 

 

„Die Idee für diese Kapelle ist in der Wirtschaft entstanden“, sagt Ambros Häring als wir durch Forst kommen. Eine Siedlung mit einem Dutzend Gebäuden, überwiegend Höfe, Wohnhäuser, Stallungen und die „Forster Einkehr“. Während wir einer schmalen Straße folgen, erzählt unser Guide von ihrem Wirt, der es bedauerte, dass man auf dem Kapellenwanderweg von Scheidegg zwar durch Forst komme. Dass es im Ort selbst aber keine kleine Andachtsstätte gebe. So entstand die Initiative, hier eine Kapelle zu errichten. Dann aber gab es einige Verwirrung, wer denn das Kirchlein nutzen dürfe. Und so entschied man sich für eine Ökumenische Kapelle. Ein Gotteshaus, das in einem Wirtshaus gegründet wurde, folgt ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten. Und wir sind sicher, dass das dem großen Jubilar gefallen hätte. 

Was hat der Kapellenweg mit den 5 Säulen zu tun?

200 Jahre Kneipp. Auf der Suche nach der Bedeutung, die die Lehre von Sebastian Kneipp heute noch hat, sind wir im Westallgäu angelangt. Das auf über 800 Metern Höhe gelegene Scheidegg trägt schon lange das Prädikat „Höhenluftkurort“, seit 1973 ist es Kneippkurort, seit 2006 mit dem Zusatz „Premium Class“. Will man eine Antwort finden auf die Frage „Was hat uns Kneipp heute noch zu sagen“, macht es durchaus Sinn, einem Rundwanderweg zu folgen, der auf den ersten Blick nur wenig mit der Lehre der fünf Säulen zu tun zu haben scheint. Dann aber führt der Kapellenweg tief hinein in eine zeitgemäße Interpretation des Kneipp’schen Gedankengutes.

 

 

Am Wassertretbecken hinter dem Kurhaus treffen wir unseren Guide. Und es geht los. Nach einer kurzen Wiesenpassage nimmt uns der Wald auf. Nadelwald, Laubwald, Mischwald. Lichtes Grün, sattes Grün, schwarzes Grün. Sonnenlicht, das durch Äste flirrt. Dazu der Duft der Tannen und wilden Kräuter, Moos, gurgelnde Bäche. Ambros Häring berichtet, dass seit mehr als 1.000 Jahren hier in den Wäldern Kapellen errichtet werden. Die älteste datiert ins 12. Jahrhundert. Es sind Orte der Einkehr, Orte des Dankes – dass man einen Krieg, ein Unglück überlebt oder eine Quelle gefunden hat. Der Wanderweg verbindet 13 Kapellen.

Die Bewegung, die innere Einkehr, eine einfache Mahlzeit… 

In der ersten gibt unser Guide einen kurzen Impuls. Worte über Wege und Ziele, über Zuflucht und Stille. Über das Leben. Es geht sich anders danach. Aufmerksamer, achtsamer. Nach der zweiten Kapelle gehen wir schweigend weiter. Hinter der dritten füllen wir unsere Flaschen an einer Quelle. Bei der fünften tauchen wir unsere Arme in kühles Wasser. Und während wir gehen, offenbart sich uns eine wundervoll abwechslungsreiche Landschaft, fordert uns mit manch knackigem Anstieg, belohnt mit besonderen Blicken. Die Bewegung, die innere Einkehr, die Kräuter, dazu ein selbst belegtes Brot, das kühle Wasser – irgendwann wird einem bewusst, dass man auf diesem Weg die fünf Säulen der Kneipp’schen Lehre nachgeradezu lebt. 

 

 

Das erinnert uns an ein Gespräch, das wir kurz zuvor im 925 Meter hoch gelegenen Restaurant „Fünfländerblick“ geführt haben mit Thomas Neuerer. Der Arzt und Therapeut aus Scheidegg verbindet klassische Schulmedizin und die Methoden der Traditionellen Chinesischen Medizin. Und er hält Vorträge, in denen er Parallelen aufweist zwischen Konfuzius und Kneipp. Zwei Menschen, die in völlig verschiedenen Zeiten an völlig verschiedenen Orten gelebt haben. Und die doch so manches eint. Neuerer führt die Lebensordnung an, die Symbolik, das Leben in Einfachheit, die Bewegung, die Heilkraft der Kräuter. Konfuzius und Kneipp, so Neuerer, haben ganz offenbar auf ein universelles Wissen zurückgegriffen. Und er stellt noch einmal dar, wie weit Kneipp seiner Zeit voraus war. Wie modern er immer noch ist.

Die Ärzte hatten ihn abgeschrieben. Aber er hat nicht aufgegeben

Thomas Neuerer ist so ein moderner Heimat-Mensch. Einer, den es immer in die Ferne gezogen hat, und der doch ganz und gar verwurzelt ist mit dem Ort an dem er lebt. In seiner Scheidegger Praxis behandelt er Patienten, die auch eine weite Anreise nicht scheuen. Er selbst hat seine Verbindung mit der Traditionellen Chinesischen Medizin an der Universitätsklinik von Tianjin vertieft. Und nach einem schweren Unfall an sich selbst die Wirkung dieser Heilmethode überprüfen können. „Die Ärzte hatten mich schon abgeschrieben. Aber ich habe an das Leben geglaubt und konsequent die Methoden der Traditionellen Chinesischen Medizin angewendet.“ So habe er seine Beine retten können, die eigentlich amputiert werden sollten. „Ich bin heute zwar vier Zentimeter kleiner als vor dem Unfall, aber ich kann wieder gehen. Und auch wieder Rad fahren.“

 

 

Von hier oben hat man einen wundervollen Blick über das Land, die Wiesen, die Berge in der Ferne. Erstaunlich vielfältig präsentiert sich das Westallgäu. Da, wo ein feines Nebelfeld über den Bäumen zu stehen scheint, rauschen die Scheidegger Wasserfälle in die Tiefe. Es sind eigentlich zwei kleinere Bäche, die sich hier vereinen und tosend 40 Meter hinabstürzen. Das Areal rund um die Fälle wurde mit Informationstafeln, Erlebniszonen und Outdoormöbeln zu einem informativen Park gestaltet. Der macht nicht nur Spaß, sondern ist auch ein Geotop – ein Ort, an dem man in die Geschichte einer Region schauen kann, in die Vergangenheit der Erde. Und so bekommt das Rauschen des Wassers, die Eindrücklichkeit der ausgewaschenen Natur, die hoch aufragenden Bäume noch eine ganz andere Dimension. 

Alles ist miteinander verbunden, alles einen zweiten Blick wert

Neben den Wasserfällen wartet noch ein Kneipp-Becken auf uns. Unweit liegen zudem zwei weitere Kapellen auf dem Weg – die St. Wendelins-Kapelle, die Gallus und Magnus Kapelle. Alles ist miteinander verbunden. Alles ist einen zweiten Blick wert. Und vielleicht ist es das, was uns Scheidegg mit auf den Weg gibt: Eine Reise anlässlich des 200. Geburtstags von Sebastian Kneipp ist schlussendlich eine Reise zu einem selbst. 

 

 


Service

Sonnenplatz: Alle Infos zu Scheidegg, der zu den Orten mit den meisten Sonnenstunden in Deutschland zählt.

Inspirierend: Der Große Kapellenweg verbindet über 22 Kilometer schönste Natur und 13 Kapellen.

Kneipp und Konfuzius: Thomas Neuerer hält immer wieder Vorträge über TCM und die Lehre der fünf Säulen.

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