12.

Jun

Die Erfüllung eines Kindheitstraums – Saurier in den Allgäuer Alpen

Tobias Klöck

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Er gilt noch heute als ein Meilenstein der Filmindustrie. Mit „Jurassic Park“ brachte Steven Spielberg eine Tricktechnik auf die Leinwand, die so noch nie zuvor eingesetzt wurde. Kombiniert mit einer Geschichte voller Nervenkitzel der perfekte Blockbuster und noch heute einer der meist gesehenen Filme aller Zeiten. Bei all der Aufregung um die Dinos auf der Leinwand ist es also keinesfalls verwunderlich, wenn sich der Traumberuf von vielen Jungs 1993 plötzlich vom Feuerwehrmann zum Dinoforscher änderte. Auch ich verschlang damals jegliche Dokumentation und sämtliche Fernsehsendungen über die Urzeitechsen. Meine Augen funkelten, als ich zum ersten Mal als kleiner Bub in einem Museum vor dem gigantischen Skelett eines solch riesigen, ausgestorbenen Tieres stand. Nach und nach legte sich der Rummel um den Film und auch die Karrierewünsche normalisierten sich zurück zum Fußballstar, Polizist oder Pilot. Irgendetwas hatte aber überlebt – zumindest meine Begeisterung für die Urzeit fand bisher keinen Abbruch. Bücher wurden studiert, Vorträge und Vorlesungen besucht, Exkursionen miterlebt. Das Wissen wuchs nach und nach an. Schnell wurde aber klar, solch große Saurierfundstellen wie es sie vor allem in den USA, Afrika, Südamerika oder der Mongolei gibt, sucht man im Allgäu vergebens. War es das also? Aus der Traum, den Dr. Alan Grant im Film verkörperte?

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Auf der Suche nach Fossilien, Zeugen der Urzeit

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Mächtige Ablagerungen eines einstigen subtropischens Meeres

Zusammen mit dem befreundeten Hobbysammler und Steineschleifer Giuseppe Gulisano aus Immenstadt war ich auch in den letzten Jahren mit Hammer und Meißel viel in den Allgäuer Alpen unterwegs. Immer auf der Suche nach Fossilien und den Überresten längst vergangener Zeiten. Ein kleines Loch im Berg hier, ein funkelnder Stein am Wegesrand da. So manches Geheimnis wartet noch immer darauf, gelüftet zu werden. An einem trüben Sonntagnachmittag im Herbst besuchte ich eine Fundstelle am Iseler oberhalb des Bergdorfes Oberjoch. Dort liegen Gesteine an der Erdoberfläche, die in einem tropischen Meer vor über 200 Millionen Jahren (in der sogenannten Trias-Zeit) abgelagert wurden. Neben vielen einzelnen Zähnen von Korallenfischen fand ich hier zum ersten Mal den Zahn einer Urzeitechse. Es handelte sich dabei um den Fangzahn eines Nothosauriers, eines fischfressenden Meeresreptils, das rund drei Meter lang werden konnte.

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Der Fangzahn eines Nothosauriers – die optimale Waffe auf der Jagd nach Fischen

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Größenvergleich Mensch – Nothosaurier

Der bisher absolute Höhepunkt war aber der Besuch einer Fundstelle in den Allgäuer Alpen oberhalb des Ortes Elbigenalp im Lechtal. Auf dem Weg Richtung Hermann-von-Barth-Hütte kommt man an steil einfallenden Kalkwänden vorbei. Betrachtet man die Oberflächen dieser Wände genauer, stellt man Strukturen fest, die man sicherlich schon einmal im letzten Urlaub am Sandstrand gesehen hat. Es handelt sich dabei um Rippelmarken – die versteinerten Zeugnisse einer einstigen Wellenbewegung im Flachwasserbereich. Hätte man heute mit einer Zeitmaschine die Möglichkeit in die Trias vor 200 Millionen Jahren zu reisen, würde sich uns folgendes Bild bieten: Wir bräuchten ein Segelschiff mit geringem Tiefgang. Es ist tropisch warm und das Meer leuchtet in einem intensiven Türkis. Vom späteren Allgäu, den Wiesen, Hügeln und Bergen, ist nocht nichts vorhanden. Nur eine Vielzahl kleiner Inselgruppen lässt sich von Bord aus entdecken. Eine ähnliche Landschaft, wie wir sie noch heute auf den Malediven finden können. Vögel gibt es am Himmel noch keine, nur das rauschen der Wellen klingt in den Ohren und Unterwasser wachsen Korallen in den unterschiedlichsten Gebilden.

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Überreste einstiger Wellenbewegungen im seichten Wasser – Rippelmarken in der Steilwand

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Eine versteinerte Koralle aus der Trias der Allgäuer Alpen

Dass es dort, wo 200 Millionen Jahre später die Allgäuer Alpen stolz ihre Gipfel emporrecken werden, Inseln gab und sich auch der ein oder andere Saurier hierher verirrte, beweisen Zähne von landbewohnenden Tieren, die man oberhalb von Elbigenalp fand. Sogar die sägeähnliche Schneide auf beiden Seiten des Zahns ist noch bemerkenswert gut erhalten. Das Tier von dem der Zahn stammt, einem sogenannten Archosaurier mit dem Namen Ticinosuchus, hatte wohl in etwa das Aussehen eines stelzenbeinigen Krokodils mit einer Länge von bis zu dreieinhalb Metern (gemessen vom Kopf bis zum Schwanz). Für die Allgäuer Alpen stellt dieser seltene Fund ein weiteres kleines Mosaiksteinchen in der langen und spannenden Geschichte ihrer Entstehung dar. Für mich war es die Erfüllung eines Kindheitstraums.

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Mit Zähnen, die an Steakmesser erinnern, gingen fleischfressende Archosaurier auf die Jagd

 

 

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Der Saurier sah wohl so aus wie ein stelzenbeiniges Krokodil und konnte bis zu dreieinhalb Metern lang werden

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Ein Modell von Ticinosuchus – so könnte er ausgesehen haben

 

Ratschläge und Tipps

In aller Deutlichkeit muss beim Sammeln von Versteinerungen in den Bergen auf die alpinen Gefahren hingewiesen werden. So können sich innerhalb kürzester Zeit die Wetterverhältnisse im Gebirge ändern oder man gerät durch eigene körperliche Überschätzung in Bergnot. Auch sollten die befestigten Wege aufgrund von gefährlichen Abbruchkanten und einer erhöhten Steinschlaggefahr nicht verlassen werden. Die passende Ausrüstung mit knöchelhohen Bergstiefeln, Wechselbekleidung, Sonnen- und Regenschutz ist für alpines Sammeln Pflicht. Die beste Jahreszeit ist vor allem im Frühsommer (Vorsicht bei Altschneefeldern!) oder im Spätsommer bzw. Anfang Herbst.

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Augen auf beim Wandern und Bergsteigen. Viele Steine, die meist nur so aussehen, bergen manchmal tatsächlich Zeugen der Urzeit

Einen guten Überblick über die möglichen Fossilfunde im Allgäu kann man sich in verschiedenen Museen verschaffen. Sehenswert sind zum Beispiel die geologisch-paläontologischen Sammlungen im Kemptener Alpinmuseum, im Heimathaus Sonthofen, der Erzgruben Erlebniswelt bei Burgberg im Allgäu am Grünten oder der Allgäuer Steinerlebniswelt in Pfronten.

  1. Marcus sagt:

    Ich habe Jurassic Park damals geliebt. Mir ging es ebenfalls so, dass mit diesem Film der Wunsch aufkam, Paläontologe zu werden – mit steigendem Alter konzentrierte ich mich dann aber wieder auf realistischere Berufswünsche ;)

    Beim Lesen deines Artikels habe ich mich gefragt, warum es eigentlich im Allgäu keinen Dinopark gibt. Sehr schade :-(

    Schönen Gruß
    Marcus

    • Hallo Marcus,
      es freut mich zu lesen, dass es anderen auch so erging ;). Bezüglich des Dinoparks würden die Funde auf Grund der Seltenheit wohl nicht ausreichen. Ein großer Traum meinerseits wäre es aber, das Allgäu zu einem nationalen Geopark zu machen ähnlich wie es z.B. im Ries oder in der Vulkaneifel der Fall ist. Interessante Orte dafür gäbe es sehr viele….

      Grüße,

      Tobias

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