23.

Mrz

Das Wikipedia seiner Zeit: die Predigerbibliothek von Isny

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Eine Sonnenuhr, eine Türklinke – an der dreischiffigen Basilika der Nikolai-Kirche

Wir machen uns auf den Weg, erkunden die Städte des Allgäus in Rund- und Spaziergängen, Betrachtungen und Gesprächen. Wir? Zwei erfahrene Reisejournalisten, die ihrer Sammlung an Länderpunkten einen weiteren hinzufügen – das Allgäu. Wir besuchen die Predigerbibliothek in Isny und treten ein in eine andere Zeit. Begleiten Sie uns…

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Ein Ort des Glaubens: schlicht, ohne Prunk, protestantisch…

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…und eine schmale Tür hinter der eine enge Treppe in die Vergangenheit führt

„Nein!“ möchte man rufen und fragen: „Sind Sie wahnsinnig geworden?“ Und am liebsten der Frau das historische, sicherlich wertvolle Buch aus den Händen reißen, auf das sie jetzt mit weiß behandschuhter Faust boxt. Die Frau lächelt irritiert. „Kennen Sie nicht den Ursprung der Formulierung, `ein Buch aufschlagen´? Es kommt daher, dass früher Metallspangen die Buchdeckel fest verschlossen hielten, damit das Papier glatt blieb. Um es zu lesen, öffnet man es mit einem Schlag auf die Schlösser.“ Die springen auf, und nun liegen die elfenbeinfarbenen Seiten vor uns, zweispaltig beschrieben, mit einer schön anzusehenden Handschrift. Sorgfältig, die Finger in weißen Stoffhandschuhen, legt unserer Führerin durch die Predigerbibliothek in Isny Seite um Seite um. Fasziniert sehen wir auf die ausgeschmückten Typographie.

Was macht das Buch mit uns? Warum berührt uns der Anblick einer historischen Bibliothek? Weshalb weckt es unsere Ehrfurcht, wenn wir die ersten Zeilen einer Handschrift aus dem 15. Jahrhundert lesen? Vielleicht weil uns dabei klar wird, dass wir in eine Epoche schauen, in der man seine Fragen an die Welt noch nicht an Wikipedia richten konnte. Bücher waren Wissen. Das geschriebene Wort hatte einen ganz anderen Stellenwert. Auch deshalb wurde es oft reich verziert, Buchstaben wie Kunstwerke. Die Magie der gedruckten Weltkunde sollte sichtbar sein. Auch denen, die nicht lesen konnte.

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Der vermeintliche Duft der Geschichte entpuppt sich als der Geruch von Hopfen…

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…auf den Regalen stehen rund 2.000 Bücher, im Kreuzgewölbe stilisierte Evangelisten

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Gucken erlaubt, anfassen verboten. Die Führer durch die Bibliothek tragen Handschuhe

Dabei war das Buch eigentlich ein Korrektiv. Im 15. Jahrhundert änderte sich das Weltbild radikal: Neue Kontinente wurden erobert, neue Perspektiven erblickt, neue Zusammenhänge erkannt. Der Wandel vollzog sich nachhaltig, aber die Kunde darüber verbreitete sich langsam. Nur die Legenden waren schnell in einer Welt, in der nur wenige lesen konnten. Priester und Mönche galten als die Hüter des Wissens. Allerdings beklagten sich damals viele Menschen, dass in den Kirchen Wasser gepredigt, aber Wein getrunken werde. Es war die Zeit der Glaubenskrise, es entstanden mehr und mehr Bettelorden. Die etablierten Kirchen gerieten unter Druck. Man musste also das Wissen um die eigenen Werte aufschreiben und in den Kirchen deponieren. Damit die Priester einen besseren Job machen…

Wir betreten den Ort dieses Wissens über eine schmale Treppe. Die Predigerbibliothek ist mehr als eine kirchliche Institution, sie ist das Gedächtnis einer Zeit, ihr Speicherplatz. Und wenn man den beritt, muss man erstmal kräftig durchatmen. Fünf mal fünf Meter, in der Mitte ein großer Tisch mit „Holbein-Teppich“. Über unseren Köpfen ein Kreuzgewölbe, die Ecken ausgemalt. Vom Boden bis zur Decke Regale, voller Bücher. Ein Butzenglasfenster, das man am liebsten sofort aufreißen würde. Bis man sich an den strengen Duft im kleinen Raum gewöhnt hat. Er kommt vom Hopfen. Man nutzt die Pflanze, um die Luft trocken zu halten. Zum Teil ist es auch dem Bierhanf zu verdanken, dass wir heute noch diese Bücher schauen können.

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Der Schatz: Handschriften und Inkunabeln, Vorformen der Drucke…

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…digitalisiert würde die Textmenge der Predigerbibliothek auf einen USB-Stick passen

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Um ein Buch aufzuschlagen, gehört ein kräftiger Hieb auf seine Schnallen

Inkunabeln, Lederschwarten, Atlanten. Die Bibliothek ist in Fachbereiche gegliedert: Medizin, Philosophie, Theologie, Geographie. Jedes der wandfüllenden, drei Meter hohen Regale der Turmstube beherbergt eine Wissenschaft. Einst hingen die Bücherborde an Eisenhaken von der Decke. Bei ihrer Gründung im Jahre 1482 kein Problem, die „Libry“ startete mit 29 Bänden. Doch schnell füllte sich die Predigerbibliothek von Isny mit wertvollen Schriften, das Wissen seiner Zeit wurde schwerer und schwerer. Längst tragen stabile, etwa drei Meter hohe Regale die mehr als 2.000 Bände der einzigen, im ursprünglichen Zustand erhaltenen Prädikantenbibliothek des Mittelalters. Und es tut unserer Ehrfurcht keinen Abbruch, dass sich die hier archivierte Textmenge leicht auf einem USB-Stick abspeichern ließe.

Vorsichtig legt unsere Führerin nun einen reich verzierten Atlanten auf den Tisch und holt zum Schlag aus…

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Über die Jahre bleiben die rostenden Schnallen nicht ohne Einfluss auf das Buch

  1. […] anzuschauen. Und was meiner Meinung nach unbedingt zu Isny gehört, ist die mittelalterliche Predigerbibliothek. Sie ist aus Denkmalschutzgründen wenig geöffnet, aber mittels einer VR-Brille jederzeit […]

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