27.

Jul

Auf abenteuerlich-einsamen Wegen über das Gottesacker-Plateau

Tobias Klöck

Registrierter

experten-autor

Es gibt sie noch – Wege und Pfade weit abseits des Trubels. Dort, wo keine Bergbahn Tag für Tag die Gäste auf den Gipfel bringt und kein Forstweg einen bequemen Bergspaziergang ermöglicht. Hier ist man der Natur vielleicht ein Stück weit näher als anderswo und man spürt die Kraft einer längst vergangenen Zeit – wie zum Beispiel auf dem Gottesacker…. 

 

Gottesacker s/w

Dort, wo heute eine Steinwüste ist, befand sich einer alten Sage nach einst eine blühende Alpe

Früh geht es heute los, in eines der wohl ursprünglichsten und wenig begangenen Gebiete im Allgäu, an der Grenze zu Vorarlberg. Einer alten Sage nach soll es sogar „verflucht“ sein. Denn dort, wo sich einst saftige Alpwiesen fürs Vieh erstreckten befindet sich heute eine riesige Steinwüste – das Gottesacker-Plateau. In alten Büchern steht geschrieben, wie einst ein armes Männle auf die Alpe kam und hungrig mit seinem Näpfchen um etwas Käse bat. Die Senner aber jagten es mit Spott und Hohn von einer Hütte zur anderen und warfen ihm Kuhfladen nach, als es mit Betteln nicht abließ. Ganz besudelt und ermattet kam es endlich weit abseits zum Hütbuben. Der gab ihm mitleidig, was er hatte, aus seiner Tasche. Da hob der Bettler die Hand auf und sagte: „Flieh’! Denn diese Alpe will ich verfluchen. Weil mir kein Erbarmen widerfahren ist, mess ich mit gleichem. Und es wird arg sein!“ Als er so gesprochen hatte, verschwand er. Es war unser Herrgott selbst. — Der Hütbub aber lief, soviel er konnte. Und hinter ihm bebte und toste es und die Felsen barsten. Als er sich umsah, war kein Weidefleck mehr weitum. Felsgeröll bedeckte die Alpe, mit Steinen war sie verschüttet. Seitdem grünt kein Kräutlein mehr dort und wurzelt kein Gras; ein wildes und wüstes Hochkar ist der Gottesacker auf ewig.

Wegemarkierung Gottesacker

Eine alte Wegmarkierung – vielleicht von einem Jäger oder sogar einem Schmuggler aufgestellt?

Von Riezlern im Kleinwalsertal aus geht es Richtung Westen. Nebelschwaden liegen noch am Talgrund als wir uns auf den Weg machen. Über kleine Bäche und durch den Wald führt uns der Weg ständig bergan. Jetzt, wenn die ersten Sonnenstrahlen am Morgen die Landschaft in ein sanftes Licht tauchen, fühlt man sich in eine andere Zeit hineinversetzt. Die Stimmung hat etwas archaisches an sich. So ähnlich stelle ich es mir vor, als die ersten Jäger und Sammler der Steinzeit ins Tal kamen und sich während der Sommermonate auf die Jagd nach Wild hoch droben in den Felsregionen machten. Eines ihrer Lager wurde 1999 an der Schneiderküren Alpe unter einem Fels-Abri entdeckt, wissenschaftlich ausgegraben und archäologisch erforscht.

Alpenpflanzen Gottesacker

Teilweise sehr seltene Alpenpflanzen lassen sich am Gottesacker finden

Es dauert noch eine ganze Weile, bis sich der Wald langsam lichtet und den Blick auf eine atemberaubende Landschaft frei gibt. Es scheint gerade so, als würde die Vegetation einen erbitterten Kampf mit den Felsen führen. Dort, wo es der zerklüftete Untergrund zulässt, haben teilweise sehr seltene Pflanzen ihren Standort und klammern sich mit ihren Wurzeln im wertvollen Humus fest. Es ist das Gestein im Untergrund, der 120 Millionen Jahre alte Schrattenkalk, der das Gottesacker-Plateau zu einer Steinwüste werden lies. Regen löste über Jahrmillionen gewaltige Mengen an Kalk aus dem Fels, schuf verzweigte Gänge und Höhlensysteme im Untergrund und prägte die Oberfläche der vor uns liegenden Karstlandschaft. Überall tun sich Spalten, Risse und Löcher auf – gerade so, als würden sie uns in die dunklen Tiefen ziehen wollen. Wen wundert es da noch, wenn einer Höhle nicht weit von hier der Name „Hölloch“ gegeben wurde.

Karstspalten Gottesacker

Tiefe Karstspalten sind das Tor zur Unterwelt und oft Eingänge in ein reich verzweigtes Höhlensystem

Das Plateau gleicht einem gewaltigen Meer aus Stein und Fels. Und in der Tat läuft man hier über ein versteinertes Meer. Im Gestein eingeschlossen lassen sich die fossilen Überreste von Korallen, Schwämmen, Schnecken und Muscheln finden. Mit einem geschulten Auge sogar die dunkel glänzenden Zähne von Fischen und Haien. Mein Begleiter Giuseppe Gulisano kennt den Gottesacker wie seine Westentasche. Unzählige Male ist er hier gewesen und hat sich auf die Suche nach Relikten dieses einst tropischen Meeres aus der Kreidezeit gemacht. Er kennt die Stellen, an denen sich ganze Riffe erhalten haben und man sogar versteinertes Palmholz fand. Ein geschultes Auge und ein wenig Glück braucht es obendrein.

Versteinerte Fischzähne

Versteinerte Fischzähne….

Versteinerte Koralle

….oder eine fossile Koralle sind steinerne Zeugen eines einst tropischen Meeres vor 120 Millionen Jahren

Vorbei am Toreck und dem Torkopf überschreiten wir die Oberen Gottesacker- wände. Vor uns weist eine alte Markierung den Weg. Hat sie ein Jäger oder vielleicht ein Schmuggler hier im Grenzgebiet zwischen Bayern und Vorarlberg angebracht? Wenige Meter weiter erblicken wir zum ersten Mal den Hohen Ifen. Wie ein auf Grund gelaufenes, riesiges Schiff liegt er vor uns, den Bug weit nach oben gerichtet. Bisher begegneten wir keiner Menschenseele. Nur die Alpendohlen im Himmel über uns sind unsere ständigen Begleiter. Von Westen ziehen Wolken auf, umhüllen den Schiffsbug allmählich. Sie tragen zur mystischen Stimmung bei. Aber dichter Nebel hier heroben kann schnell gefährlich werden. Man findet die nächste Wegmar- kierung nicht mehr und verliert die Orientierung in diesem steinernen Meer. Heute haben wir Glück und der Himmel verschont uns vor einer tief hängenden Wolkendecke. Ein Gefühl der grenzenlosen Freiheit durchdringt uns hier oben in der Einsamkeit der Bergwelt. Dort, wo man dem Himmel ein Stück näher sein kann.

Hoher Ifen Gottesacker

Wie ein auf Grund gelaufenes Schiff ragt der Hohe Ifen aus dem steinernen Meer

Insgesamt waren wir 13 Stunden unterwegs. Die Waden zwicken ein wenig und auch die Füße verlangen nach Erholung. Das kühle Nass eines Baches kurz bevor wir an unserem Ausgangspunkt ankommen, wirkt revitalisierend. Bei einem wohlverdienten Abendessen lassen wir den Tag noch einmal Revue passieren. Hoch droben in der Stille…..

Nebel am Gottesacker

Zieht Nebel auf, kann man am Gottesacker-Plateau schnell die Orientierung verlieren

Mehr zur Natur des Gottesackers und den Steinzeitfunden an der Schneiderküren Alpe erfährt man in der Bergschau Ausstellung im Walserhaus: Bergschau 1122

Fotos: Giuseppe Gulisano

 

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  1. Avatar Stefan sagt:

    Danke für den schönen Bericht.

    Eine Anregung : Könnte zum Datum auch das Jahr mit aufgenommen werden ?

    Stefan

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