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Sep

„Allgäuer Diamanten“ – Auf den Spuren der Venediger zu einem besonderen Schatz

Tobias Klöck

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experten-autor

„Alles ist mit Allem verbunden“, so lautet ein Zitat von Hildegard von Bingen – Benediktinerin, Äbtissin, Heilerin und Universalgelehrte des 12. Jahrhunderts. Für mich ein Leitspruch wenn es darum geht, die Landschaftsgeschichte des Allgäus zu erkunden um dadurch die Kulturgeschichte meiner Heimat noch besser zu verstehen. Seit Kindheitstagen haben es mir die Geschichten um die sagenhaften Venediger-Männle im Besonderen angetan. Jene kleinen mysteriösen Männlein, die im 17. Jahrhundert im Allgäu auftauchten um sich hier angeblich auf die Suche nach Gold und Edelsteinen zu machen. Jede Sage und Legende hat bekanntermaßen einen wahren Kern. So machte ich mich auf Spurensuche und fand dabei einen ganz besonderen Schatz – die „Allgäuer Diamanten“.

Allgäuer Alpen Gipfelpanorama

Der Allgäuer Hauptkamm – mächtig und sagenreich

Seit Urzeiten erzählt man sich im Allgäu Sagen, Märchen und Geschichten von den „Venediger“-Männle. Einige dieser Geschichten sind im Buch „Sagen, Gebräuche und Sprichwörter des Allgäus“ von Heimatforscher Karl August Reiser gesammelt und niedergeschrieben worden. Man sagt, es seien einst kleine Männlein mit spitzen Hüten gewesen, die als „fahrende Schuelar“ im Frühjahr in den Bergen auftauchten und im Herbst wieder verschwanden. Ihr Tun war stets geheimnisvoll und hatte immer etwas mit Edelsteinen, Gold und Silber zu tun. Diese Schätze suchten sie in ihrer „Schatzkammer“, den Allgäuer Alpen, horteten sie und verschwanden damit wieder. Es scheint, dass die Venediger wirklich aus der prunkvollen und reichen Hafenstadt Venedig kamen, vielleicht sogar etwas kleinwüchsig in ihrer Statur waren. Sie suchten in den Allgäuer Bergen wohl weniger Gold und Silber als vielmehr Erze und Gesteine wie Kobalt oder Mangan. Diese wertvollen Mineralien wurden dringend von den Glasmanufakturen auf der Laguneninsel Murano zum Färben und zur Herstellung von wasserklarem Glas benötigt. Bereits geringe Mengen dieser mineralhaltigen Steine wurden hoch bezahlt. Daher scheint auch nicht verwunderlich, dass das Endprodukt Glas sprichwörtlich einst „mit Gold aufgewogen“ worden sei.

Glashütte in Schmidsfelden

Wertvolles Glas. Mit Schmidsfelden hatte auch das Allgäu vor nicht allzu langer Zeit ein kleines Zentrum der Glasproduktion und ist heute wieder zu Leben erwacht

Die hohe Kunst des Glasmachens war zur damaligen Zeit das am besten gehütete Geheimnis und es stand die Todesstrafe darauf, sollte man es weitergeben. Die Allgäuer konnten sich allerdings keinen Reim auf das Treiben der Männlein machen und vermuteten daher stets Gold und Silber in den Säcklein der Venediger. Wie sonst konnte so eine Gestalt von einem Sack voll Steine ein ganzes Jahr lang leben? Daneben unterstellte man den Venedigern besondere Kenntnisse, ja sogar Zauberkräfte sollen sie besessen haben. Mit Hilfe von Zauber- oder Erdspiegeln fanden sie die Schätze der Erde im Handumdrehen. So zum Beispiel auch nahe der Mädelegabel und zu Füßen der Höfats bei Oberstdorf. Solche „Erdspiegel“ mit denen man tatsächlich „in die Erde“ schauen konnte lassen sich mit Sicherheit auf einfache Lupen oder Vergrößerungsgläser zurückführen, die die Venediger als Prospektoren (=Lagerstättenkundler und Geologen) mit sich trugen. Nun, die Sage in Reisers Buch – meinem ersten Hinweis der Spurensuche – lautete wie folgt:

An der Mädelegabel, die von dem vielbesuchten kleinen Dörflein Einödsbach aus besonders mächtig und großartig zum Himmel aufragt, gab es zu alten Zeiten an einer Stelle kostbare Erze in großer Menge. Dahin kam alle Jahre ein „fahrender Schuelar“ und holte sich davon jedesmal reiche Schätze. Die Stelle aber, wo dies war, weiß man jetzt nicht mehr und auch nicht, ob noch Erze dort sind.“   

An einem nebligen Spätsommertag habe ich mich dann in die Bergwelt aufgemacht. Mitten hinein in die Allgäuer Hochalpen, entlang von rauschenden Gebirgsbächen und vorbei an tosenden Wasserfällen. Zunächst ging es ein langes Stück auf einer Forststraße taleinwärts bis die Straße endete und der Weg sich zu eine Pfad verschmälerte.

Wasserfall und Weg

Vorbei an tiefen Schluchten und tosenden Wasserfällen in den Allgäuer Bergen

Kontinuierlich gewann ich im Gebiet zwischen Muttlerkopf und Mädelegabel an Höhenmetern. Seit den frühen Morgenstunden war ich keiner Menschenseele mehr begegnet. Die Einsamkeit und Ruhe in der Abgeschiedenheit der Bergwelt konnte ich ausgiebig genießen. Weiter oben waren die Temperaturen schon deutlich kühler als im Tal. Eigentlich hatte ich mir für solch eine Tour besseres Wetter gewünscht – aber ich musste eben das Beste draus machen. Mittlerweile hatte es zu nieseln begonnen. Eine kleine Gruppe Wanderer tauchte urplötzlich in der nebligen Nieselsuppe auf. Es waren auch ein paar Kinder dabei die mich mit großen Augen anschauten und mich fragten, wie weit es denn noch bis zur Kemptener Hütte sei. Den ganzen Tag bei solch nass-kaltem Wetter unterwegs zu sein macht in dem Alter nicht wirklich Freude.

Selbstporträt Tobias Klöck

Es gibt kein schlechtes Wetter…

Die Erinnerungen an meine (Berg-)Kindheit geben mir da recht. „Ihr habt es bald geschafft, jetzt geht es bis zur Hütte nur noch bergab“, motiviere ich sie und sehe, wie sich Freude auf das Gesicht der jungen Bergsteiger legt. Ich selber hatte noch ein deutlich längeres Stück Weg vor mir. Dem Nebel konnte ich eine halbwegs gute Seite abgewinnen: man sah nicht wie weit das Ziel noch entfernt lag, sondern man stand nach entsprechender Gehzeit auf einmal davor. Eine ausgiebige Brotzeit füllte meine Kraftreserven wieder auf. Nach Osten erstreckte sich ein Joch mit grünen Wiesen, vor und hinter mir ging das Gelände in steile Felshänge über. Ein kleiner Bach plätscherte ruhig vor sich hin. Hier musste es also sein, die besagte Stelle, die der Alpenpionier Hermann von Barth in seinem Buch über die nördlichen Kalkalpen als Ort, der „von tiefbraunen Hügeln der lettigen Allgäu-Schiefer umrandet“ ist, beschrieb.

Fundstelle mit Allgäu Schiefern

Braune Hügel aus „lettigen Allgäu Schiefern“ – ist das der geheimnisvolle Platz der Venediger Sage?

Genau diese braunen Allgäu-Schiefer enthalten das für die Venediger-Männle einst so wertvolle Mineral Mangan. Die Sage hatte also einen wahren Kern, der Ort stimmte, und das dort aufgeschlossene Gestein ebenfalls. Neugierig wie ich war erkundete ich den abschüssigen Hang genauer. Vor 180 Millionen Jahren entstanden diese braunen Schiefer am Grund eines tiefen Meeres. Mit der Alpenfaltung wurden die steinernen Überreste dieses einstigen Meeresbodens auf über 2000 Meter angehoben. Eine kleine Lichtreflexion zwischen dem Gesteinsschutt zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich hob das Stück auf und staunte nicht schlecht. Ein fast wasserklarer, erbsengroßer Kristall lag auf meiner Hand – „die Diamanten der Mädelegabel“.

Fundstück Algäuer Diamant

Gefunden – ein echter Allgäuer „Diamant“

Ich muss schmunzeln – mit diesen Kristallen hätten die Venediger zurück in ihrer Heimat nicht viel anfangen können. Handelt es sich dabei doch „nur“ um eine klare Form des Bergkristalls, gewachsen in den manganhaltigen Allgäu-Schiefern. Unter Mineraliensammlern wird diese Art Bergkristall mit dem Begriff „Herkimer Diamanten“ bezeichnet. Stolz bin ich trotzdem über diesen Fund – ein echter Allgäuer Kristallschatz sozusagen, selten und wertvoll für mich obendrein. Nach ein paar Stunden intensiven Suchens fand ich weitere Stücke.

Allgäuer Diamanten

Die wertvollen Fundstücke

Ich war so ins Sammeln vertieft, dass ich die Kälte gar nicht richtig spürte, wie sie langsam meinen Körper hoch kroch. Als sie mir richtig bewusst wurde packte ich meine Sachen und machte mich schnurstracks auf den Heimweg. Nicht weit entfernt von meiner Fundstelle traf ich auf dem Rückweg noch den „König der Alpen“.

Steinböcke in den Allgäuer Alpen

Die Könige der Alpen grüßen mich am Rückweg

Wie passend zu meinem „Diamanten-Schatz“ dachte ich und musste lachen. Der Steinbock, der keine 5 Meter vom Weg entfernt genüsslich graste, schaute mich kurz an, um sogleich in aller Seelenruhe weiter zu fressen. Ein solcher Schatz ist ja ganz schön, überlegte ich anschließend. Aber nur aufgesammelt worden zu sein um dann in einer Vitrine angesehen zu werden?

Allgäuer Diamant Nahaufnahme

Ein Exemplar der „Allgäuer Diamanten“ unter dem Vergrößerungsglas – Funkeln und Glitzern

Das war mir zu wenig. Ich wollte dem „Allgäuer Diamanten“ eine besondere Bedeutung verleihen: seine klare Form, die Lichtbrechung in seinem Innersten und sein leuchtendes Funkeln sollten einen ganz besonderen Ring schmücken. Ein Schmuckstück mit einer außergewöhnlichen Geschichte aus dem Herzen der Allgäuer Berge – der Schatzkammer der Venediger-Männle und meiner viellieben Heimat.

Goldring mit Allgäuer Diamant

Ein ganz besonderer Goldring mit einem Allgäuer „Diamanten“

  1. Simone Zehnpfennig Simone Zehnpfennig sagt:

    Tobias, du schätzt und liebst deine Heimat. Solche Menschen gibt es wenige, die dann noch ihren Fund die gebührende Ehre erweisen!

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