11.

Jan

Monsterkonzert der Hausemer Guggamusik

Fasnacht im Allgäu – niemals ohne Guggenmusik

Simone Zehnpfennig

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„Das ist doch keine Musik, das sind ja nur schräge Töne“, entrüstete sich Bernd, seines Zeichen Journalist aus Hannover, als er zum ersten Mal Guggenmusik hörte. Das war auf der Isnyer Guggennacht, als ich nach dem Skifahren Journalisten noch Allgäuer Kultur im Winter zeigen wollte. Bei sogenannten Guggennächten, Monsterkonzerten und auf Narrensprüngen spielen Kapellen die unverwechselbare Guggenmusik. Manche reisen sogar aus der Schweiz und Frankreich an. Bei uns kennt man die Isnyer Guggenmusik und die Hausemer als die ältesten Gruppen dieser speziellen Musik. Wenn nun die Kapellen mit ihren Bässen, Schlagwerk, Trompeten, Posaunen und Sousaphonen durch die Gassen ziehen, bebt die mittelalterliche Stadt. Aber nicht nur die Musik reißt die Zuhörer mit.Nachtumzug Memmingen Guggamusik

Farbenprächtige Kostüme, perfekt geschminkte Gesichter, schillernde Instumente

Auch die farbenprächtigen, fantasievollen Kostüme, die Art und Weise wie sie tanzend musizieren – all das fasziniert nicht nur mich jedes Jahr aufs Neue. Vor allem die Hausemer Guggamusik mit ihrem Dirigenten Viertel, der schon allein durch sein Körperlänge alle anderen überragt und dank seiner großen Hände  mit LED-bestückten Fingerhandschuhen, einfach eine Show ist.

Anzählen Guggamusik

Spannung schon beim Anzählen

Das Anzählen und Anspielen ist schon ein sinnliches Erlebnis: In der Dunkelheit leuchten die Fingerkuppen, ein jeder Finger erscheint aus der Dunkelheit einzeln. Mit jedem einzeln gesetzte Finger setzen wenige Töne ein, bis schließlich die Luft bebt. Man muss ihn einfach mal gesehen haben: Da steht er vor der Musikkapelle, sie folgt ihm – tänzerisch, mitreißend, umwerfend. Die Kostüme und Instrumente funkeln, die Musiker sprühen vor Energie. Doch da die Musik nicht den gefälligen Melodien und Rhythmen folgt, können wohl so manche Gäste mit dieser Musik nichts anfangen. Für mich unverständlich! Hier geht´s zur Hörprobe…

 

Rhythmus pur

Schräg gespielte Blasmusik und starker Rhythmus

Auf Wikipedia steht, bei Guggenmusik handle sich um „eine stark rhythmisch unterlegte, auf ihre eigene, sehr spezifische Art falsch oder schräg gespielte Blasmusik.“ Dem widerspricht Josef Hodrus aus Isny. Der Trompeter dirigierte rund 15 Jahre lang eine der ältesten Guggenmusik im Allgäu. „Die Musiker spielen nicht falsch. Sie reizen nur den individuellen Spielraum aus“, erklärt Hodrus. „Guggenmusiker spielen kein Konzert. Keine Stücke, die sich an streng arrangierte Noten halten. Hier hat jeder die Möglichkeit, sich maximal zu entfalten. Alles aus seinem Instrument herauszuholen.“ Die Energie würde dabei vor allem durch die Rückmeldung aus dem Publikum entstehen. Die Guggenmusiken treten nicht nur in den Straßen auf, sie bereichern Bälle und Narrensprünge. Die Musik ist extrem von Rhythmus geprägt und wenn auf einem Ball die Musiker einziehen, dann bebt der Saal und die Menschen tanzen auf den Tischen.

 

Insyer Guggenmusik

Sousaphone statt Tuba

Nonverbale Kommunikation und multisensorische Erfahrung

Die voluminösen Töne, der starke Bass und Rhythmus überträgt sich auf das Publikum. Der Hirnforscher Prof. Lutz Jäncke von der Universität in Zürich,  erklärt: „Man hört, spürt und sieht die Botschaft. Das ist nonverbale Kommunikation und eine multisensorische Erfahrung. Nicht zu vergleichen mit Musik von einer CD“.  Der gebürtige Rheinländer mag die Musik  nicht sonderlich, schätzt aber die schillernd „bunten Farbkleckse“, die die Guggenmusik in den Narrensprüngen, wie hier die Umzügen heißen,  darstellen.

Musik, die „Steine erweichen und Menschen rasend machen kann.“

„Bei so extremen Rhythmen hört der Mensch das Denken auf und automotorische Bewegung setzt ein.“  Das ist schön erklärt, aber Guggenmusik muss man erleben: Die bunten Kostüme von 50 Musikern, die fantasievoll geschminkten Gesichter, die schnellen Schlagwerke auf Rädern, die Sousaphone mit ihren großen Trichtern, das gibt es nur zur Fasnacht.  Aufgrund dieser Faktoren sind sich die Musikforscher einig: Guggenmusik passt in keine Schublade. Manche sprechen sogar von einer ganz unabhängigen Musikgattung. Wen wundert´s, denn üblicherweise gibt´s in den Allgäuer Musikkapellen keine Sousaphone.

Wer hat´s erfunden? Die Schweizer.

Im 16. Jahrhundert bereits sind erste Formen von „Katzenmusik“ überliefert. Maskiert war man, die Musik war vor allem laut und schräg, so liest man in den Chroniken aus Basel. Als dann Ende des 19. Jahrhundert zum ersten Mal eine Blaskapelle die Musik übernahm, gab es in Basel Proteste. Die erste Kapelle unter dem Begriff „Guggenmusik“ wurde 1906 erwähnt: Es sei eine Musik, die „Steine erweichen, Menschen rasend machen kann.“ Heute spielen bald 800 Guggenmusiken, vor allem in der Schweiz, Österreich, Allgäu, Schwarzwald, aber auch in Liechtenstein, Frankreich, Belgien, Holland und in Tschechien. Mitte des 19. Jahrhunderts zogen in Basel „improvisierte Musiken“, sogenannte „Katzenmusiken“ durch die Stadt.

 

Wer Guggamusik geballt erleben will, sollte am 25.01.2020 um 18 Uhr auf dem Marktplatz in Bad Grönenbach sein – und das Monsterkonzert erleben.

Interview: Gewitter im Gehirn

Guggenmusik reißt viele Menschen buchstäblich vom Hocker. Warum ist das eigentlich so?  Stefanie Böck wollte genauer wissen, wie die Begeisterung entsteht – oder eben nicht. Neurowissenschaftler Lutz Jäncke von der Universität in Zürich ist Experte für die Wirkung von Musik. Im Interview verrät er, was nötig ist, damit es im Gehirn gewittert.

Kennen Sie Guggenmusik? Natürlich. Ich wohne ja in der Schweiz. Aber auch beim Karneval in meiner Heimat im Rheinland sind Guggen-Gruppen beim Umzug mitgelaufen. Das war immer ein fantastischer Farbklecks mit den Kostümen…

Ganz ehrlich: Finden Sie die Musik schön? Ich verbinde etwas damit. Eine Erinnerung. Für meine Ohren klingt Guggenmusik allerdings sehr schräg. Ich mag lieber Opern.

Ich mag Guggenmusik. Woher kommt unser unterschiedlicher Musikgeschmack? Wir mögen das, was wir häufig hören. Besondere Ereignisse in Verbindung mit Musik entscheiden darüber, ob wir etwas mögen oder nicht. Bei Ihnen ist die Guggenmusik offenbar Teil Ihrer Heimat. Sie verbinden eine höchst positive Erinnerung mit der Musik. Es entstehen Erinnerungsbilder, Ihr Gedächtnis wird dabei aktiviert.

Und das macht fröhlich? Vertraute Musik bringt Sie in eine bestimmte Stimmung. Ihr Lustzentrum wird durch die Töne aktiviert. Dabei schütten Sie das Hormon Dopamin aus. Das sorgt bei Ihnen in Verbindung mit Guggenmusik vermutlich für eine positive Stimmung.

Und bei Ihnen nicht… Ich habe auch Erinnerungen. Auch in meinem Gehirn findet eine vernetzte Aktivierung statt. Aber die ist sicherlich nicht so stark wie bei Ihnen. Würden wir dabei Messungen in Ihrem Gehirn durchführen, würden wir quasi ein neurophysiologisches „Gewitter“ messen können.

Läuft dieser Prozess immer nur über das Gehör? Nein. Töne sind nur ein Teil davon. Guggenmusik bietet eine sogenannte multisensorische, beziehungsweise multimodale Stimulation: Sie hören die Musik, spüren den Bass, die Vibration des Schlagwerks, sehen die Kostüme. Sie werden taktil, visuell und auditiv angesprochen. Das ist eher speziell. Und bei der Guggenmusik auch sehr extrem…

Ist das nur bei Guggenmusik so? Nein. Auch eine Oper löst live andere Wahrnehmungen und neurophysiologische Erregungen aus, als wenn Sie diese Oper über eine CD präsentiert bekommen. Sie sehen einen Sänger oder eine Sängerin in interessanten Kostümen, die gesanglich Geschichten erzählen. Dies wird beim Zuhörer zu einer vielseitigen Geschichte einer Episode verknüpft. Unser Gehirn ist besonders spezialisiert, um solche Episoden zu verarbeiten und abzuspeichern – egal, ob es sich um Opern- oder um Guggenmusik handelt.

Spielt der laute Rhythmus bei der Entstehung von Emotionen eine starke Rolle? Sicher. Rhythmus treibt uns an. Bei der Guggenmusik ist das etwas sehr Vordergründiges, um nicht zu sagen Aufdringliches. Beim Hören denken und fühlen wir den Rhythmus. Das löst eine audiomotorische Kopplung aus. Dadurch bewegen wir uns im Takt.

Ähnlich wie bei Marschmusik… Genau. Bei starken Rhythmen schalten die Menschen das Denken aus. Stattdessen setzt eine emotionale Bewegung ein.

Die Macher sagen, bei Guggenmusik „springt ein Funke über.“ Was passiert da aus wissenschaftlicher Sicht? Hier findet eine emotionale Synchronisation statt. Musik ist nonverbale Kommunikation zwischen sozialen Wesen. Wie beim Wiegenlied überträgt sich die Stimmung, auch wenn Sie den Text gar nicht verstehen. Ein anderer Mensch induziert Ihnen über die Musik Gefühle. Das ist übrigens der ganze Hintergrund. Nur deshalb ist Musik so erfolgreich.

Kurz: Musik verbindet. Oder? Richtig. Musik synchronisiert eine Gruppe, ohne dass man intellektuell in Kontakt treten müsste. Das kann man ganz wunderbar im Rheinland im Karneval sehen: Da schunkelt das ganze Brauhaus. Über alle gesellschaftlichen Stände und Bildungsniveaus hinweg. Bei der Guggenmusik ist das in Ihrer Heimat wohl ähnlich.

Das Interview wurde von Redakteurin Stefanie Böck geführt.

Prof Dr Jäncke

Hirnforscher Prof. Dr. Jäncke

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