8.

Jun

Doppelstadt Kempten: Früher spinnefeind, heute gut vereint

Sarah Rothmund

Registrierter

experten-autor

Über 600 Jahre lang war Kempten „Doppelstadt“, geteilt in katholisch geprägte Stiftsstadt und weltlich orientierte Reichsstadt. Das ist lange her – über 200 Jahre. Grund genug zu fragen: existieren solche Grenzen heute noch oder was verbindet die Kemptener? Pfarrer Dr. Bernhard Ehler von katholischer Seite aus und Dekan Jörg Dittmar als Vertreter der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern beantworten dies im Interview.

Stiftsstadt und Reichsstadt: Sind die beiden Begriffe in Ihrer täglichen Arbeit überhaupt noch präsent?

Bernhard Ehler: Eigentlich nur noch geografisch und architektonisch. Exemplarisch sieht man das an den Unterschieden zwischen der evangelischen St.-Mang-Kirche und den Gebieten rund ums Rathaus, die der Reichsstadt zuzuordnen sind, und der katholischen St.-Lorenz-Basilika. Inhaltlich gibt es zwischen uns aber kaum noch Unterschiede.

Jörg Dittmar: Von der Baukultur her schon. Wenn ich als Dekan tagelang nur in der evangelischen Reichsstadt bin und dann in die Stiftsstadt gehe, ist das ein deutlicher Kontrast. Bei den Menschen hat sich das aber schon längst durchmischt. Hier geht es dann vielmehr darum, unsere christliche Prägung als solche – ob in der Kunst, der Architektur, im Miteinander – zu verteidigen, zu diskutieren und immer neu zu begründen.

Was ist heute (noch) an Kempten spezifisch „katholisch“ oder „evangelisch“?

Jörg Dittmar: Bis auf die baulichen Unterschiede sehen wir weniger das Differenzierende als vielmehr das Verbindende. Generell arbeiten die christlichen Gemeinden in Kempten sehr eng und vertrauensvoll zusammen. Auch das Waisenhaus oder Altenheim wird ja in kirchlicher Trägerschaft geleitet. Gerne erinnere ich an die tolle Aktion im Reformationsjahr 2017, als eine Menschenkette aus über 1.000 Leuten gebildet wurde, die konfessionsübergreifend eine Botschaft der Freude und Liebe gesendet haben. Gut, ab und an bekommen wir Evangelischen auch von der „Konkurrenz“ zu hören, dass wir ja in der Minderheit sind. Aber das nehmen wir ganz sportlich (lacht).

Bernhard Ehler: Wir haben ein großes Maß an Gemeinsamkeiten, aber natürlich auch Besonderheiten. Die Vielzahl katholischer Gotteshäuser ist sicherlich ungewöhnlich, das hängt auch mit den vielen neu Zugezogenen und Heimatvertriebenen nach dem Krieg zusammen. Die St.-Lorenz-Basilika hat als ehemalige Benediktinerstiftskirche starke Magnetwirkung, auch die hohe Qualität der Kirchenmusik ist hier erwähnenswert.

Perspektivwechsel: Am „anderen“ Teil der Stadt schätzen Sie besonders …?

Bernhard Ehler: Wenn ich Besuch bekomme, zeige ich zunächst St. Lorenz und wir wandern dann nach St. Mang. Die Altstadt mit Rathausplatz und Fußgängerzone ist wunderschön mit fast schon südländischem Flair. Sehenswert ist dort auch der Eingang zur Erasmuskapelle.

Jörg Dittmar: Sehr schön ist das Café der Cityseelsorge in der St.-Lorenz-Gemeinde, meine Frau und unsere beiden Töchter sind da recht häufig. Und natürlich die Tanzschule, da tanze ich nämlich jeden Freitag mit meiner Frau. Wenn Sie mich aber jetzt noch fragen würden, wo’s das bessere Spaghetti-Eis gibt, dann müsste ich sagen: bei uns (lacht).

Mal ganz persönlich: Wenn Sie Urlaub machen, dann am liebsten in …?

Jörg Dittmar: Da wäre unsere Lieblingsinsel Amrum zu nennen, auch Amerika gefällt uns sehr gut. Nicht zu vergessen natürlich unser schönes Allgäu: die Berge, Seen … Das strahlt Kraft und etwas Majestätisches aus, der Mensch erscheint hier klein und zerbrechlich. Hier wird mir die Ehrfurcht vor Gott immer wieder deutlich.

Bernhard Ehler: … den Bergen. Früher war ich ja in Augsburg, da war der Weg ein bisschen länger. Heute habe ich mein Urlaubsdomizil gleich in der Nähe: das Kleine Walsertal, Südtirol … Eine herrliche Gegend.

In 3 Worten – was bedeutet Kempten für Sie?

Bernhard Ehler: Geschichte – Miteinander – Engagement. In der ältesten Stadt Deutschlands begegnet man hier auf Schritt und Tritt der Historie. Es wird ein umfassendes Miteinander gelebt, sei es zwischen den Konfessionen, Nationen, der Stadt und Kirche … Und ganz viele Menschen engagieren sich und bringen sich in den verschiedensten Bereichen ein. Das alles ist nicht selbstverständlich und macht unsere Stadt zu etwas Besonderem.

Jörg Dittmar: Ort der Familie – hier habe ich meine Frau geheiratet, sind unsere zwei Töchter geboren. Kempten ist für mich einfach eine Stadt mit Herz.

Dekan Jörg Dittmar und Pfarrer Dr. Bernhard Ehler auf der Kemptener Freitreppe © Kempten Tourismus, Martin Erd

Mehr über Kemptens Historie als Doppelstadt erfahren Sie beispielsweise bei einer Stadtführung der Tourist Information Kempten oder beim Besuch der Kemptener Sehenswürdigkeiten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.