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Jun

Allgäuer Logenplatzroute – die Berge im Blick

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Erste Etappe: Seeg – Nesselwang

Das Dorf, in dem Milch und Honig fließen – was im Allgemeinen wohl schnell als übertriebene Umschreibung herhalten muss, ist für Seeg eine schmackhafte Tatsache. Auf rund 850 Metern inmitten einer hügeligen Landschaft gelegen, dehnen sich um das Dorf Weideflächen mit Mooren und Seen aus. Nicht nur für Kühe ideal, sondern auch für Bienen, die hier in Deutschlands einzigem Honigdorf beste Pollen in goldige Köstlichkeiten verwandeln. „Freundliche Worte sind wie Honig, süß für die Seele und gesund für den Körper.“ – wohltuend lässt sich das Gleichnis (Spr. 16,24) auf den Start meiner Wanderung durch die göttliche Landschaft des Ostallgäus übertragen.

Vor mir eröffnen sich fantastische Blicke über sattgrüne Wiesen hin zu mächtigen Alpengipfeln. Ich gelange zu Aussichtspunkten, die wahrlich echte Logenplätze sind: hier ziehe mich etwas zurück, mache es mir gemütlich und genieße in aller Ruhe das Schauspiel im Cinema Natura. Die Kulisse begleitet mich auf meiner Wanderung. Manchmal nimmt mir Wald die Sicht, der einem Vorhang gleich die Bühne verhüllt, um dann wieder die Sicht in eine Landschaft freizugeben, die kaum bezeichnender für das Allgäu sein könnte.

Zweite Etappe: Nesselwang – Oy-Mittelberg

Am Ortsrand von Nesselwang lese ich auf einer Stele die folgenden Zeilen des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges: „Wenn ich mein bisheriges Leben noch einmal leben könnte, würde ich nicht so perfekt sein wollen, ich würde mich mehr entspannen. Ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen. Ich war einer dieser klugen Menschen, die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten; freilich hatte ich auch Momente der Freude, aber wenn ich noch einmal anfangen könnte, würde ich versuchen, mehr gute Augenblicke zu haben. Aus diesen besteht nämlich das Leben; nur aus Augenblicken. Vergiss nicht den jetzigen.“

Ich steige entlang des Schlossbaches auf einem Waldweg bergan. Je steiler der Weg wird, desto schmaler wird er und je langsamer ich mich bewege, desto schneller rauscht neben mir der Bach. Der Pfad wird immer steiler und schmaler und als sich der Schlossbach über eine Felswand ins Tal stürzt, endet der Pfad. „…mehr gute Augenblicke…“, erinnere ich mich und halte inne. Ich rieche den Wald, höre das Wasser und schmecke die Luft – ich spüre mich.

Eine Stiege führt mich weiter in die Höhe, dann ein herrlicher Wurzelpfad. Der Wald  wird lichter, gönnt mir immer mehr Weitblicke, bis ich vom Gipfel des 1.575 Meter hohen Alpspitz einen traumhaften Rundumblick erlebe. Ich bin allein, es ist still; entspannt lehne ich am hölzernen Gipfelkreuz und genieße gute Augenblicke. Viele liegen hinter mir und hoffentlich noch viele vor mir, aber jetzt bin ich im Hier und Jetzt und will diesen Augenblick als etwas Wertvolles hüten.

Dritte Etappe: Oy-Mittelberg – Görisried

An diesem Morgen ist die Luft frisch und würzig und sorgt für tausende winziger Tautropfen, die Blätter und Gräser verzieren. Ich schaue in die Ferne, wo der Dunst des frühen Morgens die Berge noch bedeckt hält. Dann erscheint mir der „Wächter des Allgäus“, dessen markante Silhouette sich dunkel in milchigem Grau abzeichnet. „Wächter des Allgäus“, das ist der Grünten, der die umgebenden Berge deutlich überragt. Ich betrachte ihn eine Weile und gewinne den Eindruck, dass sein vorgesehener Platz vielleicht bei höheren Bergen hätte sein sollen. Jedoch fand er seinen Platz hier und als wollte er mir zeigen, dass er hier seine Aufgabe hat, löst er sich aus dem Dunst, der von kräftigen Sonnenstrahlen zusehends aufgelöst wird.

Die Logenplatz-Route führt mich durch Hochmoore, eine gleichermaßen mystische wie sensible Welt voller wunderschöner Blumen, Farne und Gräser. Die sich durch die Bäume bahnenden Sonnenstrahlen sind eine Einladung zum Innehalten, um das über einen dicken Moosteppich tanzenden Licht-Schatten-Spiel zu verfolgen. Aus den jahrtausendealten Mooren wandere ich wieder hinein in die prägenden Kulturlandschaften des Ostallgäus, in der Bauern das sonnige und trockene Wetter nutzen, um zu mähen und Heu zu wenden. Riecht es auf der einen Seite nach frisch gemähtem Gras, strömt von anderer Seite der Duft von würzigem Heu in meine Nase. Das weckt Erinnerungen an Kindertage, als ich im Sommer mit dem Fahrrad zwischen Wiesen und Feldern umher brauste. Unbeschwerte Zeiten, die mit dem Geruch von Heu für einige Augenblicke wieder lebendig werden.

Vierte Etappe: Görisried – Leuterschach

Die grünen Wiesenflächen erstrecken sich großflächig in die Weite des Voralpenlandes. Sanften Wellen gleich, breiten sie sich aus und tragen die Blicke anscheinend uferlos in die Ferne. Ich folge einem schmalen Feldweg, der sich durch die sanfte Wiesenlandschaft schlängelt. Eigentlich sind es nur zwei parallel verlaufende hellgraue Spuren, denn der sie trennende Grünstreifen ist von kräftigem Wuchs und so wirkt es vielmehr, als wäre er Teil der umgebenden Wiesen. Dann rücken die „Wellen“ zusammen und formen sich zu einer engen Hügellandschaft.

Hier und da steht mittendrin ein einzelner Baum, ein rotbedachter Heustadl, darüber spannt sich blauer Himmel mit gemächlich dahinziehenden Schäfchenwolken. Und wieder halte ich an, lege mich ins Gras und blinzel hinauf zu den Wolken, wo ich zwischen Schäfchen noch allerlei andere Gebilde zu erkennen glaube. Mein versonnener Blick in den weiß-blauen ostallgäuer Himmel führte zu einem wohligen dahin Dösen. Wie sehr ich doch so ein Nickerchen unter freiem Himmel liebe!

Ein Pfad bringt mich durch einen herrlichen Mischwald und bald wird aus einem zunächst kaum wahrnehmbaren Glucksen ein kräftiges Plätschern. Zwischen intensiv grün leuchtenden Moosen und Farnen sucht sich Wasser seinen verzweigten Weg über stufige Felsen ins Tal. Damit komme ich der Wertach näher und einer schmalen Hängebrücke, mit deren Hilfe ich den Fluss quere. Mit jedem Schritt setze ich sie in Schwingung, was mit einem leisen Knarren der hölzern-metallischen Konstruktion begleitet wird. Auf meinem Weg nach Leuterschach bin ich mit der schönen Wertach in bester Gesellschaft.

Fünfte Etappe: Leuterschach – Marktoberdorf

Sanft zieht sich der Weg durch eine offene Landschaft und ein paar Weiler und Dörfer hinauf zu einem Wald. Die Bäume stehen dicht beieinander, ich erkenne eine kleine Lichtung vor mir, wenn auch noch in einiger Entfernung. Unter meinen Schuhen verstummt das Knirschen des Splitts, als ich mit Erreichen der Lichtung vor einer kleinen Kapelle stehe. Es ist die „Kindle Kapelle“, ein Wallfahrtsort am Pilgerweg München – Bodensee. Es heißt, dass sich einst in diesem Wald ein Kind verirrt habe und von der missglückten Suche nach dem richtigen Weg erschöpft unter einer Tanne einschlief. Es soll ihm das Jesuskind erschienen sein, das dem Kind den Weg nach Hause wies.

Erst jetzt bemerke ich auf einer Bank sitzend einen alten Mann. Über 80 Jahre sei er, erzählt er mir und fährt fort, dass er als Kind weit weg von hier aufgewachsen sei, aber nun schon fast sein ganzes Leben in der Nähe wohne. Dann erhebt er sich langsam und verabschiedet sich mit dem Hinweis, dass er diesen besonderen Ort immer wieder aufsuche.

Etwas gedankenverloren wandere ich weiter und spüre die kurze Begegnung in Form aufkommender Fragen noch länger in mir nachhallen. Es soll aber nicht der einzige besondere Ort auf dieser Etappe bleiben. In Kohlhunden, einem kleinen Dorf, wartet mit den Überresten eines römischen Gutshofes mit Familienbad eine sensationelle Entdeckung auf mich. Auch die Römer ließen es sich hier gutgehen und mit geschlossenen Augen versuche ich eine Zeitreise weit zurück in die Vergangenheit.

Ganz anders, als ich mich kurz vor Marktoberdorf in der Kurfürstenallee wiederfinde. Hier wird das Ende dieser Etappe geradezu fürstlich zelebriert. Alleen berühren mich mit ihrer Klarheit, ein gerade verlaufender Weg wird von Bäumen gesäumt, die sich in die Höhe strecken. Ich finde, dass Alleebäume eine besondere Ausstrahlung haben. Ganz besonders hier, wo mehr als 600 prächtige Linden seit mehr als 200 Jahren den Weg flankieren. Jetzt spaziere ich, passiere Baum um Baum, dahinter grüne Wiesen und in der Ferne die Berge – „meine“ schönste Allee!

 

Sechste Etappe: Marktoberdorf – Stötten am Auerberg

Stufe für Stufe steige ich der hoch über Marktoberdorf thronenden Pfarrkirche St. Martin entgegen. Einen Schritt noch, dann stehe ich vor dem weißgetünchten Bauwerk, dessen Turm sich in die Höhe streckt und ein weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadt ist. Schon des Öfteren war ich in der Stadt und eins ums andere Mal stieg ich diese Stufen hinauf. Um das Jahr 1200 im Stil der Romanik erbaut, veränderte sie sich im Laufe der Jahrhunderte durch Um- und Ausbauten. Heute zeigt sich die Kirche als attraktiver Barockbau mit sehenswerten Hoch- und Seitenaltären, Fresken und Stuck.

Meine heutige Etappe ist eine echte Genusstour; die Logenplatz-Route führt mich über komfortable  Wege, dazu gibt es perfektes Wanderwetter. Ich erreiche die Ortschaft Stötten am Auerberg und lasse mich vom einladenden Biergarten eines Restaurants gerne zu einer Rast überzeugen. Schwer war das nicht, denn was gibt’s schöneres, als bei sonnig-warmen Wetter ein gemütliches Plätzchen an der frischen Luft zu haben. Ich strecke die Beine aus, die Arme in die Luft und atme tief durch.

Siebte Etappe: Stötten am Auerberg – Lechbruck am See

Von Stötten mache ich mich an den Aufstieg hinauf zum Auerberg, auf dessen Gipfel die St.-Georgs-Kirche thront. Auch wenn der Auerberg nur 1.055 Meter hoch ist, so überragt er doch alle anderen Erhebungen im weiteren Umkreis des Alpenvorlandes, was ihm eine besondere Präsenz verleiht. Ich spüre eine besondere Verbundenheit mit dem Auerberg und den Wegen hinauf zur Kirche bin ich bereits einige Male gefolgt. Neben der sichtbaren Präsenz des Berges gibt es aber noch eine andere. Eine, die ich nicht sehe, aber in mir spüre. Erklären kann und will ich nicht. Ich glaube, es muss nicht immer alles erklärbar sein, letztlich ist Grund genug, dass ich hier eine große Zufriedenheit fühle.

Zudem ist das Bergangehen auf herrlichen Pfaden und mit prächtigen Aussichten über Wiesen, Wälder und Seen hin zu den Alpen das reinste Vergnügen. Ich habe hier einen Lieblingsaussichtspunkt: von dem schweift der Blick vom Grünten entlang der Alpenkette zum Herzogstand, davor liegen im satten Grün blauen Tupfen gleich Forggensee, Schmuttersee, sowie der Bodenlose See, um den sich Sagen und Legenden ranken. Eine erzählt von einigen Burschen aus Lechbruck, die einen verborgenen Goldschatz in ihren Besitz bringen wollten. Unheimliche Geschehnisse brachten sie jedoch davon ab und voller Angst suchten sie ihr Heil in der Kirche auf dem Auerberg. Vielleicht saßen sie dort droben schuldbewusst, blickten auf Lechbruck und schworen sich, niemals mehr etwas anzurühren was nicht ihres war.

Aussichtsreich mache ich mich an den Abstieg und erreiche mit dem Lech den Heimatort der verjagten Burschen.

Achte Etappe: Lechbruck am See – Roßhaupten

Grünlich-blau fließt das Wasser des Lechs am Orstrand von Lechbruck am See dahin. Am grünen Ufer des Flusses will ich den großzügig gestalteten Holzliegen nicht aus dem Weg gehen. Kurz nach einem ausgiebigen Frühstück kann ein Päuschen sicher nicht schaden und so finde ich mich auch schon auf einer der bequemen Liegen wieder. In der Frühe des Tages weht der Wind zwar noch kühl über meine Haut, gleichzeitig ist aber auch schon die Kraft der Sonnen deutlich zu spüren. Es ist der Beginn eines herrlichen, fast schon maritim anmutenden Sommertages. Ich habe Zeit, ich verharre noch ein Weilchen und beobachte das Wasser, wie es durch die Strömung auf Steine gepresst wird, um dann in unzähligen kleinen Wassertropfen sonnenbeschienen davonzustieben. Auch wenn ich weiter muss, der Lech und ich werden uns noch nicht trennen müssen.

Entlang seines Ufers führt mich die Logenplatz-Route zum Premer Lechsee, dessen blass türkis schimmerndes Wasser von dunkelgrünen Wäldern eingerahmt wird. Mit dem Grau der sich in der Ferne erhebenden Berge und dem stahlblauen Himmel übt dieser Moment fast schon traumhaft-unwirklich auf mich.

Wenig später nähere ich mich dem Schmutterweiher. Sah ich diesen auf meiner gestrigen Etappe von weit oben, eröffnet sich mir nun eine Szenerie, die beschaulicher und friedlicher kaum sein könnte. Ich gehe bewusst und mit bedächtigen Schritten durch diese zauberhafte Kulisse, als wenn ich dadurch dem Hier und Jetzt meinen Respekt bekunden möchte. Kurz vor dem Ziel Roßhaupten führt mich der Weg über einen dicht bewaldeten Kalvarienberg, auf dessen höchsten Punkt mich alte, von Flechten und Moosen besiedelte Steinstufen führen. Ein stiller und mystischer Ort, an dem ich noch einige Zeit in fast meditativem Zustand verbringe.

Neunte Etappe: Roßhaupten – Seeg

Schritt für Schritt lasse ich das Dorf Roßhaupten hinter mir, blicke dabei zum Kalvarienberg und spüre nochmal die Kraft und Ruhe, die ich gestern dort empfand. Der Charakter dieser Etappe unterscheidet sich von den vorangegangenen, nicht Wiesen umgeben mich und auch die Flüsse und Seen lasse ich hinter mir. Es ist Wald, in den mich die Logenplatz-Route führt. Wald, ein Sehnsuchtsort, fantasievoll und manchmal verklärt, Heimat für Glückseligkeit. Für so viele Menschen ein besonderer Ort, kann auch ich mich der Faszination Wald nicht entziehen. Aufgewachsen in einem Dorf, das unmittelbar an einen großen Wald grenzte, war er natürlicher Abenteuerspielplatz für uns Kinder und ich erinnere mich sehr gut, dass ich schon damals eine große Ruhe dort empfand.

Mein Wandern wird zum Schlendern, die Luft ist angenehm frisch und ich lausche den Rufen der Vögel. Noch immer macht die Logenplatz-Route ihrem Namen alle Ehre. Oft lichtet sich der Wald und gibt die Sicht frei auf eine Landschaft, die einem Gemälde gleicht. Dann stehe ich da, tief durchatmend, staunend und glücklich. Glücklich, weil mir in diesen Momenten nichts fehlt, weil ich nicht viel mit mir herumtrage. Es gibt keinen überflüssigen Ballast, weder im Rucksack, noch in meinen Gedanken.

Eine berauschende Alpenkulisse mit dem markanten Säuling, vor der sich der Forggensee entlang zieht, an dessen Ufer die Stadt Füssen zu sehen ist – und wie eine Krönung von alledem, zeigt sich Schloss Neuschwanstein an der Peripherie zwischen Hochgebirge und flachem Land. Mit einer sehr langen Rast in einer Alpe zögere ich das Ende meiner Wanderung hinaus. Bis meine Wanderung voller Sehnsuchtsorte dort endet, wo sie begann – im Honigdorf Seeg.

Schlossparkwandern

Den Allgäuer Schlosspark durchziehen drei neue Wanderrouten: die Idyllegarten-Route im Norden, die Königsalpen-Route im Süden und dazwischen, die Logenplatz-Route. Die Rundwege schließen sich zum Schlossparkwandern zusammen, einem neuen Wanderwegekonzept, das die Vielfältigkeit und Schönheit der Region rund um die Königsschlösser auf drei Höhenlagen erlebbar macht. Weitere Infos unter Schlosspark-Etappenwege – Schlosspark im Allgäu

 

 

  1. Lidia Damann sagt:

    Wenn man aus der Stadt raus möchte ist das genau das richtige. Einfach Wunderschön.

  2. Jetztz fehlen nur noch GPS Daten zur Tour die man runterladen kann!

    • Thorsten Hoyer sagt:

      Hallo Matthias, vielen Dank für den Hinweis. Leider können wir die GPX-Daten nicht direkt im Programm hinterlegen. Wir haben aber einen Link zu den Fernwanderwegen eingefügt. Dort findest du die Tracks. HG vom Schlosspark-Team

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