20.

Aug

Zeitreise in die Steinzeit im Allgäu

Tobias Klöck

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Der große Allgäuer Heimatforscher Max Förderreuther notierte 1929 noch lapidar: „Spuren aus vorgeschichtlicher Zeit sind im Bereiche der Allgäuer Alpen bis jetzt in so geringer Zahl entdeckt worden, daß sie nicht hinreichen, uns ein Bild von der ersten Besiedelung des Landes zu geben.“ Heute, keine 100 Jahre später, sieht die Sache anders aus. Es sind mittlerweile nicht nur sehr viele Spuren menschlicher Tätigkeit ans Tageslicht gekommen, sondern man kann sich nun auch ein überaus plastisches Bild des frühgeschichtlichen Allgäus machen: Im neuen Steinzeit-Dorf an der Bolsterlanger Hörnerbahn wird Geschichte lebendig.

Me-so-li-thi-kum. Zugegeben, ein kompliziertes Wort. Aber eines, das spannende Entdeckungen verspricht. Mesolithikum bedeutet Mittelsteinzeit und die begann hier im Alpenraum vor, Pi mal Daumen, zehntausend Jahren. Damals hatten sich schon die Gletscher der letzten Eiszeit soweit in die Alpen zurückgezogen, dass das Allgäu nahezu komplett eisfrei war. Die Vegetation ließ das Land vor den Bergen ergrünen. Durch die Wälder streiften Hirsche, Bären und Wölfe. Im Gebirge fühlten sich Steinbock, Gams, Murmeltier und Adler pudelwohl. Der Mensch – also quasi „die ersten Allgäuer“ waren bei uns noch recht selten anzutreffen. Aber sie waren da! Sie zogen als Jäger und Sammler durch die Wälder und schlugen an passender Stelle ihre Lager auf. Einige dieser Sommerlager gab es auch im Bolgental, denn dort haben wir an ganz bestimmten Stellen viele kleine Steinzeitwerkzeuge gefunden aus genau dieser Zeit gefunden.

Ein Abschlag und eine regelmäßige Klinge aus der Mittelsteinzeit.
Ein Abschlag (links) und eine regelmäßige Klinge (rechts) – Zeugnisse, die mittelsteinzeitliche Jäger vor tausenden von Jahren hinterlassen haben

Wenn das Wild im Frühsommer langsam aus den wärmer werdenden Tälern in kühlere Höhen aufstieg, zogen auch die Steinzeitjäger in kleinen Gruppen hinauf auf die Berge. Sie waren bestens an ihre Umgebung angepasst, hatten spezialisierte Ausrüstung und eine ausgekügelte Jagdtaktik. An Stellen, die sie vor Wind und Wetter schützen richteten sie ein Basislager ein. Von dort aus ging es dann auf die Jagd. Archäologen nehmen an, dass die Wildbeuter im Gebirge einen Aktionsradius von rund 10 Kilometern hatten.

Steinzeit Fundstücke von der Hörnerkette

Steinzeitfunde direkt vor Ort aus der Hörnerkette. Man braucht ein geschultes Auge um einen von Menschen bearbeiteten Stein zu erkennen (links) und ihn überhaupt erst zu finden (rechts) 

Einen Supermarkt oder gar einen Pizzaservice? Gab es bei den Steinzeitjäger natürlich noch nicht, die Nahrung musste selbst gesammelt oder erlegt werden, sonst wären sie verhungert. Auf der Speisekarte standen, je nach Jagdglück, Hirsche, Rehe, Gämsen, Niederwild oder auch Vögel. Dabei ist der Mensch eigentlich gar kein besonders gut ausgestatteter Jäger: Schlechtere Augen als die Raubvögel, kein allzu gutes Zahnmaterial, um rohes Fleisch zu essen, deutlich langsamere Lauftechnik. Aber die Wildbeuter konnten sich besser als jedes Tier zu Jagdgruppen zusammenschließen und abstimmen. So scheuchten die einen die Tiere in vorher gebaute Fallen oder zu den Abschussplätzen dort postierter Jäger. Mit Lanzen, Speeren oder Pfeil und Bogen konnten die Wildbeuter Tiere bis auf 50 Meter Entfernung erlegen.

Steinzeit Jagdrevier der Wildbeuter: das Riedberger Horn
Das Riedberger Horn – Jagdgebiet der mittelsteinzeitlichen Wildbeuter 

Dabei wurde das Beutetier übrigens von Kopf bis Fuß verwertet: Aus dem Geweih eines Hirsches wurden Harpunen und Nadeln gemacht, aus dem Schulterblatt Schaufeln, aus den langen Knochen Nadeln und Nadelbehälter, die Sehnen und Nerven wurden zu Schnüren verarbeitet, das Fell verarbeiteten sie zu Kleidung, Zelten und Flaschen. Den Darm und Magen trockneten sie und verwendeten ihn als Trinkbehälter und das am Feuer gebratene Fleisch eines Hirsches diente zur Nahrung. Apropos Feuer. In der Steinzeit war das Feuer ebenso überlebswichtig wie die Suche nach Nahrung. Man hütete es, so dass es nie ausging. Glut wurde beispielsweise in Behältern aus Birkenrinde transportiert (Ötzi hatte beispielsweise einen solchen Behälter bei sich). Mussten die Wildbeuter doch einmal Feuer machen, konnten sie es entweder mit einem Feuerbohrer oder einem Feuerstein entzünden. Jedoch braucht es einiges an Übung, Pyrit und Feuerstein so aufeinander zu schlagen, dass ein Funken entsteht und Zunder aus einem getrockneten Baumpilz zu glühen beginnt.

Tobias Klöck Feuermachen
Gar nicht so einfach, mit Steinzeitwerkzeug ein Feuer zu entfachen. Am Ende habe ich es doch geschafft. 

Das Feuer im (Basis-)Lager war der Mittelpunkt der kleinen Jägergruppen. Man verspeiste die erlegte Beute, tauschte sich über Erlebnisse aus und erzählte sich Geschichten. Sicherlich wurden auch aus dem Radiolarit, einem richtig hartem Gestein (dem. sog. „Stahl der Steinzeit“) Werkzeuge hergestellt oder kleine Pfeilspitzen geschlagen. Sie mussten sich ja schließlich auf den nächsten Jagdausflug vorbereiten.

Pfeil und Bogen aus der Steinzeit

Wichtigstes Jagdwerkzeug der Steinzeitjäger in den Allgäuer Bergen – Pfeil und Bogen. Die Spitze und Klingen des Pfeils (links) sind messerscharf. Mit Birkenteer wurden sie in den Pfeilschaft geklebt. 

Und wie hat man als steinzeitlicher Jäger die steinerne Spitze im hölzernen Pfeil festgemacht? Und wie hat man geflochtene Wasserbehälter abgedichtet, damit auf dem Weg von der Quelle bis ins Lager nicht allzuviel verloren ging? Mit Birkenteer, dem Alleskleber der Steinzeit. Es ist quasi der erste Kunststoff der Menschheitsgeschichte. Hergestellt wurde Birkenteer mit einfacher Verschwelung, also indem Birkenrinde zum Beispiel in einer luftdichten Lehmgrube stark erhitzt wurde, bis sich daraus der zähflüssige Teer entwickelte. Übrigens hatte auch Ötzi, der ca. 3400 v. Chr. auf dem Similaun starb und im Jahr 1991 als Gletschermumie gefunden wurde, seine Jagdwaffen mit Pflanzenfasern und Birkenteer hergestellt.

Das Steinzeit-Dorf an der Mittelstation der Hörnerbahn
Zeitreise in die Steinzeit. Im neuen Steinzeitdorf Bolsterlang gibt es auch für Nachwuchsarchäologen viel zu entdecken 

Damit man sich besser vorstellen kann, wie die Steinzeitmenschen lebten, jagten und arbeiteten, wurde an der Mittelstation der Hörnerbahn im Rahmen eines INTERREG Projekts vom Naturpark Nagelfluhkette ein Steinzeitdorf aufgebaut. Mithilfe von Zelten und Feuerstellen, einem Steinzeitbohrer und einem Platz zum Ledergerben kann man einen Blick in den Alltag unserer Vor-Vor-Vorfahren werfen. Außerdem führt ein kleiner Abenteuerweg durch das angrenzende Wäldchen, wo Knobel-Bandolinos, ein Steinzeit-Memo und ein „urzeitliches“ Musikinstrument für Abwechslung sorgen. Und man kann sich an einer „Ausgrabungsstätte“ selber als Indiana Jones versuchen.

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